Vor ein paar Wochen hat Botho Strauß in seinem Aufsatz "Anschwellender Bocksgesang" im Spiegel unter anderem mitgeteilt, daß der Geist rechts steht, daß ferner der "Sturz des faulen Befreiungszaubers" längst fällig sei und der Fremdenfeindlichkeit ein "sakraler, ordnungsstiftender Sinn" innewohne. Vereinzelt geäußerter Kritik an Strauß ist nun in der letzten ZEIT der Autor Bodo Kirchhoff entgegengetreten. Bei der korrekten Auslegung der Strauß-Worte kommt es, wenn wir Kirchhoff folgen, eigentlich nur darauf an, ob man ein Kind hat oder nicht.

Denn mitreden über Strauß (und das heißt vor allem: Strauß verstehen) können laut Kirchhoff nur jene wirklich, die "in den siebziger Jahren an einem Ort wie Frankfurt Erziehungswissenschaften oder ähnliches studierten, durch Selbsterfahrungsgruppen gingen und in Wohngemeinschaften verkehrten ... und inzwischen selbst ein Kind ernähren, das sie beim Vornamen nennt". Er, Kirchhoff, habe ein Kind, "seitdem mache ich mir Gedanken um das vierte Gebot". Er sei auch einer, "der vielleicht lieber erst mal in die Kirche geht, wo übrigens schon immer Kerzen brannten, um dort zu erleben, was um ihn und in ihm geschieht".

Strauß mitfühlend verstehen kann also nur die illustre Gruppe der zum rechten Glauben konvertierten alten Achtundsechziger. Wer ihn kritisiert, gehört entweder zu den "hohen Beamten am Geisteshof, denen Strauß nun "auf die Kreditkarten getreten" hat – oder ist ganz einfach zu jung.

Aber damit nicht genug. Die Jugend ist noch mit mehr als mit verständlicher Verständnislosigkeit geschlagen: "Das Außerkraftsetzen des vierten Gebots durch unsere Generation hat zu einer Lockerung des fünften Gebots bei den heutigen Jugendlichen geführt." Das vierte Gebot lautet: Du sollst Vater und Mutter ehren; das fünfte: Du sollst nicht töten! Weil man ihnen nicht beigebracht hat, Vater und Mutter zu ehren, sagt Kirchhoff, zieht die deutsche Jugend heute auf die Straße und tötet.

Die (eigentlich recht aparte) Verniedlichung der Auseinandersetzung um Botho Strauß zum Dreieckskonflikt zwischen den falschen (ewig gesinnungstreuen) und echten (konvertierten) Achtundsechzigern und der durch die lose Moral verrohten, mordenden deutschen Jugend zwingt den Autor dieses Antwortbriefs an Pastor Kirchhoff, sich selbst generationsmäßig zu outen.

Erstens: Ich habe seit meinem siebzehnten Lebensjahr in Wohngemeinschaften gelebt. Diese Wohngemeinschaften mußten ihre Existenz nicht mehr ideologisch rechtfertigen. Es gab keinen Gruppenappell mit Offenheitszwang mehr und kaum noch Räucherstäbchen. Wir Wohngemeinschaftsbewohner der Achtziger konnten die Ernte der Kommunebewegung einfahren und auf eine sehr angenehme Art erwachsen werden (besonders, was die praktische Seite des Lebens betrifft: Geschirrspülen und so!). Zweitens: Ich habe meinen Vater und meine Mutter wahrscheinlich nicht immer anständig geehrt, mich dafür aber ordentlich mit ihnen auseinandergesetzt. Mir immerhin war angenehm, daß meine Pubertät unter Menschen stattfand – jenseits der fünfziger Jahre.

Drittens: Ich hatte eine Deutschlehrerin, zweifellos mit dem aufregenden geistigen Background, den Bodo Kirchhoff beschreibt, die in jeder Deutschstunde dreimal "Begründen!" rief. Sie hat, wie ich inzwischen höre, ebenfalls zur Kirche gefunden. Ein interessantes Phänomen. Mir dagegen scheint sich manches noch immer begründen zu lassen, zum Beispiel warum die Kirche kein angemessener Ort zur Welterkenntnis sein kann – wenigstens nicht der einzige. Oder warum Leitartikel von Joachim Fest reaktionär sind.