Kinder – in allen Lagen, Lach- und Heulposen, auf allen nur denkbaren Armen, auf Spielplätzen, Rutschen, Decken und Wiesen – wöchentlich hunderttausendfach photographiert. Sie werden sich später erinnern, wie wir uns erinnert haben, weil die Photos uns sagen, wo wir, wie wir und mit wem wir wo gewesen waren. Nur etwas fehlt: Jene Dinge, die uns oft wichtiger waren, weil wir sie jeden Tag in der Hand hielten. Die Zigarrenschachtel meines Großvaters mit all den Stiften, geheimnisvollen Schrauben, den Zirkeln und Radiergummiresten oder der zusammenklappbare Fadenzähler, die Tipp-Kick-Figur mit dem abgeschliffenen Schußbein – verloren, verschenkt, kaputtgegangen. Und niemand kam auf die Idee, sie zu photographieren.

Edward Steichens Aufnahmen für „Das erste Bilderbuch. Alltägliche Dinge für Kleinkinder“ wollen etwas anderes, etwas „Objektiveres“ und rühren gerade um so stärker Persönliches auf.

Ein Teddybär, ein Wecker, ein Wasserhahn, ein Kinderstuhl, ein Puppenwagen ... Schwarzweißphotographien von 1930, initiiert von seiner Tochter Mary Steichen-Calderone, gedacht als Bilderbuch der neuen Pädagogik, zur Freude am Wiedererkennen, in der Absicht, jeden „Gegenstand so ‚objektiv‘ wie irgendmöglich (darzustellen), auf daß keinerlei .Effekte’ das Kind verwirren mögen“. Und Edward Steichen, der einem breiteren Publikum durch seine Portrait- und Modephotographien für „Vogue“ und „Vanity Fair“ in den 30er Jahren bekannt wurde, hatte den richtigen Blick dafür. Sachlich, dokumentarisch stellt er die Dinge isoliert in einen irrealen Raum. Nicht nur ein Teddybär ist da zu sehen, sondern der Teddybär, nicht ein Wecker, nein, der Wecker... Das Auge des Photographen wird zum Auge des Kindes. Genau, in allen Details, Maserungen und feinen Nähten – Einzelheiten sind zu erkennen, die dem Erwachsenen vergangen sind, weil sie als notwendiges Übel der Funktion erscheinen.

Ein bißchen unheimlich, bedrohlich wirken diese Bilder manchmal, durch ihre perfekten Stillleben-Arrangements, in denen die Abwesenheit von kindlicher Unordnung nur um so intensiver die Berührbarkeit der Dinge betont. Aber vielleicht drücken diese Photographien auch etwas aus, was unsere „Bilder“-Bücher verniedlichend und mit kuscheligen Farben vertuschen: daß wir als Kinder viele Dinge als Bedrohung empfanden, mit Neugier und Angst, mit Streicheln und Schlagen, mit Liebe und Aggressivität auf sie reagierten.

Man kann dieses Buch als Plädoyer für Alltagsgegenstände sehen, als Pamphlet gegen Lego und Playmobil, als Kunstband, als Dokument der Kulturgeschichte. Man kann sich auch fragen, warum dieses Buch – 1930 zum erstenmal veröffentlicht und erst jetzt wieder erhältlich – ein Mißerfolg wurde und dazu den klugen und warmherzigen Essay von John Updike lesen. Man kann sich aber auch an das Vorwort von Mary Steichen-Calderone halten: „Dieses Buch sollte dem Kind gegeben werden, sobald es Gegenstände oder ihre Abbildungen zu erkennen vermag. Im rechten Augenblick, wenn es gefüttert und ausgeruht ist, lasse man es mit dem Buch allein. Das Verhältnis zwischen den beiden sollte ohne die Einmischung Erwachsener vom Kind selbst bestimmt werden.“ Konrad Heidkamp

  • Mary Steichen-Calderone/Edward Steichen/John Updike: Das erste Bilderbuch

Alltägliche Dinge für Kleinkinder; der Alltag/Scalo Verlag, Zürich-Berlin-New York 1992; 67 S., 38,– DM