Die Machenschaften im Umkreis des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Uwe Barschel erschütterten die politische Kultur der Bundesrepublik Deutschland im Herbst 1987. Der Politiker, der auf einer Pressekonferenz seine Unbescholtenheit beteuert und dafür sein „Ehrenwort“ verpfändet hatte, war für viele die Personifizierung ungezügelten Ehrgeizes. Ein Abgrund an politischem Machiavellismus tat sich auf. Barschel, der das demokratische Amtsethos schwer in Mißkredit gebracht hatte, beging in einem Genfer Hotel Selbstmord.

Gleich danach tauchten immer wieder nicht zuletzt von der Familie genährte Spekulationen auf, es könne auch ganz anders gewesen sein. „Alles spricht für Mord“ – diese These verficht ebenfalls Werner Kaiinka, ein als seriös geltender Journalist. Barschel sei an Medikamenten gestorben, verabreicht durch eine Magensonde. Als Täter komme das Ministerium für Staatssicherheit in Frage.

Kaiinka breitet den Fall Barschel noch einmal aus, zum Teil unter Heranziehung neuer, wenn auch nicht ergiebiger Dokumente und Photos. Er leuchtet (tatsächliche oder nur vermeintliche) Unterlassungen der Untersuchungsbehörden aus, die politischen Hintergründe der Affäre, verweist die Behauptung von Barschels Waffengeschäften in das Reich der Fabel und enthüllt die Mauscheleien von Barschels Vertrautem Reiner Pfeiffer.

Es ist eine der Kernthesen des Buches, dieser und nicht der genasführte Barschel habe die Fäden im Hintergrund gezogen.

Schlampigkeiten und Ungereimtheiten lassen jedoch nicht den kühnen Schluß auf ein Komplott zu Auch wenn Barschel in das Visier der Staatssicherheit geraten war, muß man Fakten präsentieren und sollte nicht wild spekulieren, nicht insinuieren. Kaiinka beweist nichts hieb- und stichfest. Besonders dilettantisch sind die Ausführungen zur unmittelbaren Vorgeschichte des Barschel-Todes: Barschel sei „in guter Verfassung“ aus Gran Canaria abgereist. Er „hatte Anlaß zur Zuversicht“. Wieso, wo doch gerade die eigene Fraktion die Niederlegung des Mandats gefordert hatte, wie er wußte? Kaiinka glaubt an die offenkundigen Schutzbehauptungen Barschels, er habe eine „heiße Spur“ gehabt und den Beleg für ein „großes Komplott gegen ihn“.

Die wirren Aufzeichnungen im Hotelzimmer, in denen von einem mysteriösen Robert Roloff, mit dem Barschel sich getroffen haben will, die Rede ist, sollten offenkundig eine Fährte in Richtung Mord legen. Kaiinka durchschaut die Inszenierung nicht. Als Beleg für die Richtigkeit der in den Aufzeichnungen genannten Tatsachen firmiert die Notiz von der Begegnung mit einem Journalisten. „Bis zum Beweis des Gegenteils muß dies auch von den anderen angenommen werden.“ Wie will man Nichtereignisse widerlegen? Die Beweispflicht kehrt der Autor um. Hätte der Mörder nicht die verräterischen Aufzeichnungen entfernt? Auf solch offenkundige Diskrepanzen lassen sich Voreingenommene wie Kaiinka nicht ein. Die Mordversion stand für ihn augenscheinlich von vornherein fest.

Von (vermeintlichen) Machenschaften anderer ist im Buch viel die Rede, vom (tatsächlichen) Versagen Barschels wenig. Nach der Lektüre bietet sich folgende Erkenntnis an: „Der Tod, der kein Selbstmord sein darf.“ Eckhard Jesse