Nehmt die Wäsche weg! Die Komödianten kommen!“ – Der Untertitel von Irene Ruttmanns Roman „König für einen Tag“ läßt ein deftiges Sittengemälde aus der Blütezeit der Commedia dell’arte erwarten. Harlekin und Colombine, Possenreißerei und Mummenschanz.

Am Rande eines brandenburgischen Dörfchens erscheint – einem Trugbild gleich – eine seltsame Gesellschaft mit Federhüten, Reifröcken, Kronen, Schleppen, Harnischen, Lanzen, Trompeten, Sonnen und Monden an hohen Stangen. Dieses bunte Gewoge im hellen Mittagslicht wird die 13jährige Gastwirtstochter Friederike stets vor Augen haben, wenn sie sich an die erste Begegnung mit der Theatertruppe des Prinzipals Theophil Krüger erinnert, die ihr Leben entscheidend veränderte.

Spätestens als die Truppe mit Müh und Not im einfachen Gasthaus von Friederikes Vater Quartier findet, wissen wir jedoch, daß wir keinen lautstarken Schelmenroman zu durchleben haben, sondern eine leise Schilderung des tagtäglichen Geschäftes einer Gruppe fahrender Schauspieler in deutschen Landen der Jahre 1763 und 1764.

Irene Ruttmann erzählt die Geschichte des halbwaisen „Aschenputtels“ Friederike, das sich entschließt, mit den Theaterleuten zu reisen und Schauspielerin zu werden, eingebunden in die Zeit der Wirrnisse nach dem Siebenjährigen Krieg. Das Häufchen Lebenskünstler zieht mit aller Leidenschaft für die Bretter, die die Welt bedeuten – und seien es nur ein paar Planken auf Holzböcken –, von Ort zu Ort, ohne festes Ziel, aber mit unerschütterlicher Mission. Bejubelt, beneidet und bespuckt, manchmal hofiert, meist aber mißtrauisch beäugt.

Die Autorin vermeidet konsequent aktuelle Bezüge und einen konstruiert aufklärerischen Stil. Den nötigen Hintergrund hat sich Irene Ruttmann vor allem aus den Lebenserinnerungen der Schauspieler Johann Christian Brandes und Joseph Anton Christ beschafft. Ihn flicht sie sorgsam in die Handlung ein, ohne den Leser mit Informationen zu überfordern.

Mit seriöser Recherche und erzählerischem Talent gelingt es ihr, gleichermaßen den historischen Tatsachen als auch den erfundenen Charakteren Respekt zu zollen. Das mag den Spannungsbogen der Handlung gelegentlich unterbrechen, unterscheidet das Buch allerdings wohltuend von aktionsbeladenen, aber geschichtsklitternden Jugendromanen.

Siggi Seuss-Weihmann