Von Wolf Jobst Siedler

Die leidenschaftlichen Gegner der Wiederherstellung verschwundener Baudenkmäler können einem allmählich leid tun. Seit Jahrzehnten kämpfen sie nun gegen den Wiederaufbau der im Krieg zerstörten oder im Nachkriegswahn abgerissenen Werke, da deren Rettung oder Rekonstruktion ja nur auf Falsifikate hinauslaufe. Vor allem vom Westen her erheben sie warnend ihre Stimme gegen das Verlangen, das Zerstörte wieder zu errichten. Die Dome und Schlösser aus alter Zeit seien nun einmal nicht mehr vorhanden; sie nach den Katastrophen wieder aufbauen zu wollen, liefe auf bloße Kopien hinaus, die den Nachgeborenen nun auch noch ihre Geschichte nehmen wollen. Mit Mut zum Zeitgenössischen müsse man die Verluste hinnehmen und aus dem Geist der Gegenwart die Lücken füllen.

So argumentierte man schon gleich nach dem Kriege, als die Kunsthistoriker, Denkmalpfleger und Architekten gegen einen Wiederaufbau des Doms von Xanten aus dem 10. Jahrhundert protestierten. Eugen Kogon und Walter Dirks erklärten den Wiederaufbau des Frankfurter Goethehauses am Hirschgraben – wie des Weimarer Schillerhauses – zu einer Lüge, denn der Humanismus aus Deutschlands klassischer Epoche habe nun einmal die Barbarei nicht verhindern können. Das Land Württemberg-Baden und die Stadt Stuttgart hatten den Abriß des Neuen Schlosses der Herrscher von Württemberg schon formell beschlossen, denn die Rettung der Ruine werde nur ein „Imitat“ zustande bringen, wie die Architektenkammer befand.

Aber das Volk blieb unverständig und schlug alle Ratschläge in den Wind. Gegen alle Fachleute wurde das Goethehaus wieder aufgebaut, eine Bürgerbewegung, die Züge eines Volksaufstands hatte, setzte gegen alle Autoritäten den Wiederaufbau des Stuttgarter Schlosses durch, und ein einzelner nahm die Rettung des Xantener Doms in die Hand, auf den natürlich auch die fast immer dem Zeitgeist hinterherlaufende Kirche bereits verzichtet hatte. Vierzig Jahre später erhielt Walter Bader dafür den Schinkel-Preis, der ihm vom damaligen bayerischen Kultusminister Hans Maier in Trier festlich übergeben wurde.

Nur im Falle des Braunschweiger Welfenschlosses blieben die Advokaten der reinen Lehre der Denkmalpflege siegreich. Nachdem sich alle Verbände gegen eine Rekonstruktion der Ruine ausgesprochen hatten, wurde mit einer Stimme Mehrheit die Sprengung der glanzvollen Ruine des Baus von Carl Theodor Ottmer beschlossen, da man dem Genie der Gegenwart seine Chance geben müsse. Heute steht an dieser Stelle ein Horten-Kaufhaus.

Sonst aber steht es schlecht um den Protest gegen den Wiederaufbau von Verlorenem. Leidenschaftlich haben die Fetischisten des Ursprünglichen gegen einen Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche gekämpft, was man offensichtlich besonders gut vom Westen aus tun kann, wo man inmitten intakter Welten die Würde von Trümmern beschwört. Aber die Bevölkerung der Elbe-Stadt wollte ihre weltbekannte Silhouette wiederhaben, und sie befand, daß die zerstörte Stadt Mahnmal genug gegen den Krieg sei. Das Stadtparlament beschloß schließlich den Neubau des grandiosen Baus von Georg Bähr, der bedeutendsten Sakralarchitektur des Protestantismus.

So geht es überall zu, in Leipzig, wo Sachsens „Leipziger Malerschule“ mit Bernhard Heisig an der Spitze die von Ulbricht zwanzig Jahre nach dem Krieg gesprengte gotische Universitätskirche wiederhaben will, und in Postdam, wo der sozialdemokratische Bauminister Brandenburgs für die Wiedererrichtung von Gerlachs Garnisonkirche wie von Knobelsdorffs Stadtschloß plädiert, da sonst die kleine Havel-Stadt ihre Mitte nicht wiederfinden werde.