Von Gisela Dachs

Jerusalem

Seine Leibwächter hat Ignatz Bubis zu Hause in Frankfurt gelassen. In Israel braucht er sie nicht. Außerdem wäre es absurd, sagt der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, wenn ihn dort deutsche Polizisten bewachten. Die Dinge sind auch so schon kompliziert genug.

Bubis weiß, daß es Juden aus Deutschland in Israel weit schwerer haben als nichtjüdische Deutsche. Wie ein roter Faden ziehen sich zwei Fragen durch alle Gespräche – auch wenn sie nicht immer so hart formuliert werden: Wie kannst du im Land der einstigen Mörder leben? Warum lebst du nicht in Israel?

Die Fragen sind nicht neu. Doch seit Hoyerswerda, Rostock und Mölln hat der Rechtfertigungsdruck auf die in Deutschland lebenden Juden zugenommen. Gerade erst war in Israel ein wenig Gras gewachsen über die deutsche Waffenhilfe für den Irak und die Friedensdemonstrationen während des Golfkrieges, als die ersten Flüchtlingsheime brannten. Der endgültige Meinungsumschwung kam mit einer Panorama-Sendung, die Ende November mit hebräischen Untertiteln im israelischen Fernsehen ausgestrahlt wurde: Bilder von grölenden Neonazis und dem Verfall des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz.

Ignatz Bubis wußte das, bevor er vorige Woche mit zehn Direktoriumsmitgliedern des Zentralrates zu einem offiziellen Besuch nach Israel aufbrach. Der Vorsitzende, der in Deutschland binnen weniger Monate zu einer moralischen Instanz geworden ist, tut auch in Israel, was er für richtig hält. Er beschönigt nichts, benennt die Fehler der Bonner Regierung, versucht aber auch, verzerrte Darstellungen in den Medien zurechtzurücken. Dabei gerät er in die seltsame Rolle eines Botschafters, der ein Land verteidigt, in dem er selber bedroht ist.

Es gebe noch keinen Grund zur Panik, wiederholt Bubis ein ums andere Mal. Rechtsradikale Tendenzen fänden sich in ganz Europa. Gewiß müsse man in Deutschland besonders wachsam sein. Doch er halte die deutsche Demokratie für gefestigt; Bonn sei nicht Weimar. Und Bubis erklärt Ministerpräsident Jitzhak Rabin, Außenminister Schimon Peres, Jerusalems Bürgermeister Teddy Kollek und den Vertretern der Jewish Agency und des Jüdischen Weltkongresses deutlich, was nicht alle gerne hören: "Solange es ein Judentum in der Diaspora gibt, wird es auch eines in Deutschland geben." Später bilanziert er, er sei "in unterschiedlichen Abstufungen auf Verständnis gestoßen".