Von Robert Frank

Mit dem Beschluß, Berlin zum Sitz des Bundestages zu machen, verhieß das Parlament vor anderthalb Jahren die „Vollendung der deutschen Einheit“. „Einen Meilenstein zur Umsetzung ... dieser Entscheidung“ (so vieldeutig ist deutsch) sah vergangenen Dezember Irmgard Schwaetzer im Kabinettsbeschluß „für die Unterbringung der Bundesregierung in Berlin“. Die Entscheidung des Bundespräsidenten, „seinen Sitz im Kronprinzenpalais samt angrenzenden Liegenschaften zu nehmen“, bezeichnete die Bundesbauministerin wiederum als „Eckpunkt“ für ein politisches Zentrum in „der alten Mitte Berlins“, vorausgesetzt allerdings, daß Berlin diesen „funktionalen und flächenmäßigen Erfordernissen entspreche“. Über die „angrenzenden Liegenschaften“ – zwischen dem Spreekanal und der Deutschen Staatsoper Unter den Linden – mußte es dann zum Streit kommen, denn sie bilden einen wichtigen Bestandteil der Stadtgeschichte und der Stadtentwicklung von jeher.

Da findet man – auserkoren für den neuen Sitz des Bundespräsidenten – jenes Palais, das sich der Kronprinz Friedrich 1732 hatte (von Philipp Gerlach) barockisieren lassen und das seitdem das Kronprinzenpalais genannte wird. Ein Stück weiter hatte er sich, nunmehr König Friedrich II. (der Große), das Opernhaus (von Knobeisdorff) entwerfen und zugleich den Platz daneben mit der später errichteten königlichen Bibliothek (und der heutigen Humboldt-Universität gegenüber) zum Forum Fridericianum komplettieren lassen. Sein zweiter Nachfolger, Friedrich Wilhelm III., wiederum ließ vom Kronprinzenpalais, in das er gezogen war, einen Verbindungsbogen zum Prinzessinnenpalais nebenan schlagen, wo seine Töchter logierten. Auf der anderen Seite der Allee Unter den Linden baute Schinkel dann die Neue Wache, hinter dem Kronprinzenpalais die Friedrichswerdersche Kirche und die Bauakademie. Zusammen bildete alles das ein unvergleichliches, nach dem Zweiten Weltkrieg zum großen Teil wieder aufgebautes Stadtviertel. Und im Prinzessinnenpalais entstand das legendäre Operncafé und wurde zu einer der beliebtesten Institutionen in der Stadt.

Volker Hassemer, der Berliner Senator für Stadtentwicklung, ist, wie er sagt, „sehr froh“, daß der Bundespräsident ins Kronprinzenpalais ziehen möchte. Doch der will viel mehr. Er verlangt alle „angrenzenden Liegenschaften“, also: auch das

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Prinzessinnenpalais nebenan und die nach dem Abriß des DDR-Außenministeriums vermutlich rekonstruierte Bauakademie samt dem ehemaligen Schinkelplatz davor – nicht für die 150 Mitarbeiter des Bundespräsidialamtes, sondern für „Empfänge sowie An- und Abfahrten von Staatsgästen“ –, dies ein Einfall des auf Sicherheit versessenen Protokolls. Michaele Schreyer, die Vorgängerin Hassemers, schlug deshalb vor, Staatsempfänge wie bisher im Schloß Bellevue zu veranstalten, das Richard von Weizsäcker erst vor sechs Jahren nach seinen Vorstellungen für siebzehn Millionen Mark hat renovieren lassen.

Am eindeutigsten bestanden die Bezirksverordneten von Berlin Mitte und ihre Baustadträtin Dorothee Dubrau darauf, das Operncafé als „städtebaulich und architektonisch attraktive gastronomische Einrichtung“ (3000 Besucher täglich, am Wochenende jeweils das Doppelte) zu erhalten. Der Bundespräsident nahm davon Kenntnis und ließ erwidern, daß er „einem Vorschlag und der Bitte des Berliner Senats gefolgt“ sei. Und ohne das Prinzessinnenpalais könne er weder angemessen arbeiten noch repräsentieren.