War es Th. Kuhn? War es Brecht? Fontane gar? Eines ist klar: Die Forderung nach einem Paradigmenwechsel geht auch an einer Institution wie der ZEIT nicht spurlos vorüber. Wir wissen zwar nicht, wer ihn erfunden hat und wie er geht, aber er tut not. Selbstkritisch erinnern wir uns der Worte des Philosophen Archibald Douglas: „Ich hab’ es getragen sieben Jahr / Und kann es tragen nicht länger mehr!“

In der Douglas-Forschung ist zwar die Frage umstritten, ob damit das Paradigma oder nicht einfach nur das Hemd gemeint sei, aber paradigmatisch betrachtet, läuft es auf dasselbe hinaus. Was dem einen sein Hemd, ist dem andern sein Paradigma, gewechselt werden muß beides, und zwar, anders als der selige Douglas es hielt, häufiger als alle sieben Jahre.

Wie wechselt man ein Paradigma? Der große Paradigmatiker Brecht bleibt auch in diesem Punkt chinesisch. Sein Gedicht „Der Paradigmenwechsel“ lautet bekanntlich: „Ich sitze am Straßenrand /Der Fahrer wechselt das Paradigma / Ich bin nicht gern, wo ich herkomme. / Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre. / Warum sehe ich den Paradigmenwechsel / Mit Ungeduld?“

Brechts Kollege Yaak Karsunke hat Jahrzehnte später in einem Gegengedicht die treffliche Frage gestellt, weshalb Brecht den Paradigmenwechsel vom Fahrer vornehmen lasse. Nun: Brecht wird nicht gewußt haben, wie man ein Paradigma wechselt, und verließ sich auf einen Mann, der hier metaphorisch als „der Fahrer“ umschrieben wird. Was haben wir uns darunter vorzustellen? Nichts anderes als den sogenannten Paradigmenheber, der weniger ein Beruf ist als eine Berufung.

Als Kohl damals von der Wende sprach, vermied er aus volkstümlichen Gründen den Begriff Paradigmenwechsel. Zwar ist Kohl von seiner Statur her der Mann, auch Paradigmen größeren Kalibers zu heben, aber sie zu wechseln fehlt ihm die Berufung.

Kohls Mißerfolg spornt uns an. Das ZEIT-Feuilleton wird ab sofort Woche für Woche erstklassige, und zwar fliegende Paradigmenwechsel vorführen. Das Hemd ist uns näher als das Paradigma, aber wat mut, dat mut. Oder, wie Fontane sagt: „Wo immer das Paradigma am schönsten war / Da war es öd und leer.“ Finis