Gebannt starrt die Kamera auf den Redner: Mit solch unverrückbarem Blick stierte unsereins im Kindesalter auf die bunten Wesen im Aquarium – womit wir selbstverständlich die Bonner Abgeordneten nicht mit Zierfischen vergleichen wollen. Zum Vergleich fordert allein der starre Blick heraus – damals eben aufs Aquarium, heute via Bundestagshauskanal auf den Abgeordneten am Rednerpult. Diese starre Kamera muß unseren ansonsten so medientüchtigen Politikern längst zum Graus geworden sein, vom Ton ganz zu schweigen, der hohl noch beim klügsten Wort, blechern selbst bei der kräftigsten Stimme klingt.

Für Kanal 25 des Bonner Kabelnetzes gelten eben besondere Regeln. Die erste heißt Exklusivität: Denn empfangen werden können derzeit die 350 Sendestunden pro Jahr aus dem Parlament nur von den erlauchten und erleuchteten Bewohnern der Bonner Bannmeile und einiger Exklaven. Gewiß, „der Bundestag verhandelt öffentlich“, wie das Grundgesetz vorschreibt. Diese Öffentlichkeit freilich ist beschränkt. Wer im Wasserwerk keinen Sitzplatz mehr findet und im Bannkreis des Parlaments keinen Kabelanschluß mit Kanal 25, der bleibt bilderlos. Der Rest der Republik gleicht, ohne es zu ahnen, sowieso der Dresdner Senke zu Walter Ulbrichts Zeiten: Keine Chance zum Blick über den Zaun, es sei denn, ARD oder ZDF lüpften in staatsbürgerlicher Aufwallung schon mal den Vorhang vor dem Parlament auch fürs Millionenpublikum.

An ein bundesweites Parlaments-TV mag Rita Süssmuth noch nicht denken. Die Bundestagspräsidentin will erst die verfassungsrechtliche Lage klären. Das Privileg der Bannmeilenpopulation – wenn es denn Genuß verheißt – wurde bislang mit purer Bescheidenheit begründet. Es handle sich bei Kanal 25 gar nicht um richtiges Fernsehen, sondern nur um ein „elektronisches Protokoll“ zu parlamentarischen Selbstzwecken.

Anders würde der Fall bei einem wirklichen Parlamentsfernsehen liegen. Dem „elektronischen Protokoll“ wird damit allerdings eine Unschuld angetragen, die es längst verloren hat: Denn auch ein schlechter Ton bleibt ein Ton, auch ein starres Bild ein Fernsehbild. Inszenierte Wirklichkeit ist Kanal 25 allemal. Wozu also diese Zurückhaltung, die etwa der amerikanische Kongreß längst aufgegeben hat? Er wurde dafür nationwide in seinen Debatten und Anhörungen mit großem Bürgerinteresse belohnt.

Joachim Fritz-Vannahme