Von Winfried Schulze

Die Verfügbarkeit geschichtswissenschaftlicher Tätigkeit für die Legitimierung von Nationalsozialismus, Krieg und Eroberungen „bleibt ein Desaster in der deutschen Historiographiegeschichte“. Mit diesem Satz endet die neue Untersuchung der Marburger Historikerin Karen Schönwälder über die deutsche Geschichtswissenschaft im Nationalsozialismus. Zu diesem Ergebnis aber kam in der Sache Karl Ferdinand Werner schon 1967 in einem bahnbrechenden kleinen Buch über das „NS-Geschichtsbild und die deutsche Geschichtswissenschaft“, auch wenn sein hier von der Verfasserin benutztes Zitat erst viel später niedergeschrieben wurde.

Werners Studie wirkte 1967 geradezu befreiend, in einer Zeit, die noch von gekürzten Vorworten, unvollständigen Literaturverzeichnissen und unzugänglichen Universitätsarchiven gekennzeichnet war. Zusammen mit der kurz zuvor erschienenen Monumentalstudie Helmut Heibers über „Walter Frank und sein Reichsinstitut für die Geschichte des neuen Deutschland“, dem Material der universitären Vorlesungsreihen und einigen Spezialarbeiten ergab sich so eine neue Arbeitsgrundlage, die in den nächsten Jahren zwar vielfach differenziert wurde, an der es im Endergebnis aber nicht viel zu rütteln gab. In den letzten Jahren ist sie beinahe zur Communis opinio der Geschichtswissenschaft geworden: Es gab bei den deutschen Historikern ein wirksames Netz innerer Verbindungen mit den Zielen des Nationalsozialismus und einen breiten, antidemokratischen Grundkonsens, der bestimmte elementare Bedürfnisse des nationalsozialistischen Systems erfüllte, keineswegs jedoch alle.

Der Forschungsertrag der letzten Jahre lag vor allem in der genaueren Untersuchung der furchtbaren Bereitwilligkeit deutscher Historiker, sich zu intellektuellen Anregern und Helfern deutscher Eroberungspolitik im Osten zu machen. Schließlich wurde im Rahmen einer ganzen Reihe bemerkenswerter Universitätsgeschichten auch die Geschichte einiger Historischer Seminare im „Dritten Reich“ untersucht. Es könnte somit der Eindruck entstehen, als ob damit schon alles gesagt worden sei, doch trifft dies keineswegs zu, wie die vorliegende Arbeit beweist.

Ihren sachlichen Kern bildet eine breit angelegte Untersuchung der politischen Äußerungen deutscher Historiker unmittelbar nach der Machtübernahme, in der Zeit vor Kriegsbeginn und schließlich im Krieg selbst. Zwischen NS-Schulungsheften, Propagandawerken und wissenschaftlichen Beiträgen in Fachzeitschriften wird hier eine große Fülle an einschlägigen politischen Äußerungen zusammengetragen. Darüber hinaus hat die Verfasserin an einigen Stellen auch bislang unbenutztes Material zur NS-Kulturpolitik aus dem Bundesarchiv in Koblenz herangezogen, das aber insgesamt eher eine ergänzende Funktion hat.

Das Ergebnis ihrer Suche kann nicht überraschen: breite Zustimmung zur Machtübernahme, zur sich anbahnenden „Revision von Versailles“, zum Kampf gegen den Parlamentarismus, billigende Äußerungen zur Hinnahme des Vorgehens gegen jüdische Mitbürger in der „Reichskristallnacht“. Neue Ordnungskonzepte wurden entwickelt, die die Rolle des Reiches in Europa, speziell gegenüber dem durch eine „völkische Gemengelage“ geprägten Ostmitteleuropa (so Hans Rothfels), legitimieren sollten. Der Kriegsbeginn gegen Polen wurde gefeiert, weil er die „raumfremde Ordnung“ der Zwischenkriegszeit beseitigte, weil er die Chance einer „von der Mitte her gelenkten Völkergemeinschaft“ eröffnete, wie es 1940 Hermann Oncken formulierte. „Völkische“ Kriterien wurden genutzt, um die Eroberungspolitik wissenschaftlich zu orchestrieren. Seit der Wende des Weltkriegs wurde die deutsche Kriegsführung zunehmend als „Abwehrkampf des Abendlandes“ gegenüber dem Ansturm des Bolschewismus verstanden, ja es läßt sich 1943/44 geradezu die Hochkonjunktur eines ideologisierten Europabegriffs in der NS-Publizistik konstatieren, der die „Abendlaid“-Diskussion der Nachkriegszeit vorbereitete.

An einigen Stellen führt die Arbeit deutlich über den bisherigen Kenntnisstand hinaus: etwa in der genauen Darstellung der unter Beteiligung führender Historiker (zum Beispiel Theodor Mayer, Otto Biunner, Günther Franz, Franz Petri) erarbeiteten historischen Ausstellung „Deutsche Größe“, die 1940 unter dem Patronat von Alfred Rosenberg in München eröffnet und dann ausgerechnet in Prag, Biüssel und Straßburg gezeigt wurde, oder in den Ausführungen über den sogenannten „Kriegseinsatz der deutschen Geisteswissenschaft“. Hier ist die Verfasserin auf einem schwierigen Gebiet ein gutes Stück weitergekommen.