Von Hans Harald Bräutigam

Beim Streit um den rechten Weg in der Heilkunde geht es zu wie in einem Glaubenskrieg: Die Anhänger der naturwissenschaftlich begründeten Lehre werden als „Schulmediziner“ verspottet und verdammen ihrerseits die Vertreter der naturheilkundlichen Erfahrungsmedizin als Häretiker. Diese wiederum preisen sich als die wahren Vertreter einer „ganzheitlichen Medizin“, die mit Pflanzentherapie, Homöopathie oder anthroposophischer Medizin auf die sanfte Art heile.

Von den Kranken ist in diesem Streit kaum die Rede. Sie wollen geheilt werden, gleichgültig nach welcher Methode, und bilden sich ihre Überzeugungen meist nach dem ehrwürdigen Motto „Wer heilt, hat recht“. Die einen trauen der Schulmedizin mit ihren ausgeklügelten Apparaten und Medikamenten alles zu. Die anderen, oft enttäuscht von der Hilflosigkeit der Schulmedizin, suchen im Unbewiesenen ihr Heil, zum Beispiel in der Lehre Samuel Hahnemanns, des Begründers der Homöopathie.

Seit zweihundert Jahren hält seine Medizin schöne, leider unbelegte Versprechungen bereit. Die meisten homöopathischen Ärzte und ihre nichtakademischen Kollegen, die Heilpraktiker, bemühen sich auch nicht sonderlich um statistisch gehärtete Tests.

Die seien ohnehin überflüssig, meint einer der Säulenheiligen der akademischen Heilkunde, Karlheinz Voigt, Dekan des Fachbereichs Medizin der Marburger Philipps-Universität. In der von ihm verfaßten, kürzlich veröffentlichten „Marburger Erklärung zur Homöopathie“ gießt der Medizinprofessor Öl ins Feuer: „Die Homöopathie ist eine Irrlehre“, verkündet er. Ihr Konzept bestünde darin, „längst bewiesene Irrtümer, wie die Ähnlichkeitsregel (similia similibus) und das Potenzieren von Arzneimitteln durch tausendfache Verdünnung von Wirkstoffen, als Wahrheiten zu verkünden“. Damit nicht genug: „Das Wirkprinzip der Homöopathie ist die Täuschung des Patienten, verstärkt durch die Selbsttäuschung des Behandlers.“

Starke Worte, die weniger den homöopathisch tätigen ärztlichen Kollegen gelten dürften, denn die halten der Dekan und sein Fachbereich vermutlich für unbelehrbar, als vielmehr dem Mainzer Institut für Medizinische und Pharmazeutische Prüfungsfragen. Das hat nämlich festgelegt, daß Medizinstudenten künftig über „Grundlagen, Möglichkeiten und Grenzen von Naturheilverfahren und Homoöpathie“ geprüft werden müssen.

Der Biomathematiker Jürgen Windeler vom Institut für Medizinische Informatik der Universität Bochum hatte bereits in der ZEIT Nr. 37/91 den Verdacht geäußert, daß die Naturheilkunde, von den Schulmedizinern zumindest toleriert, von der Homöopathie als Trojanisches Pferd benutzt würde. Das scheinen die Mainzer Pläne zu bestätigen: Ist zusammen mit der Naturheilkunde auch die Homöopathie in den Katalog der Prüfungsthemen aufgenommen, dann muß sie fortan gelehrt werden.