Aber was soll da in die Vorlesungen Einzug halten? Das fragt sich Irmgard Oepen, Professorin am Institut für Rechtsmedizin der Marburger Universität. Sie erinnert daran, daß die Homöopathie vom Vitalismus abstamme, von einer Lehre also, der zufolge allem Lebendigen eine Kraft zugrundeliegt, die mit Methoden der Naturwissenschaft nicht weiter analysiert werden kann – vor ungefähr zweihundert Jahren, als Hahnemann seine Theorien formulierte, eine vertretbare Idee.

Hahnemanns Grundsätze waren die Antwort auf die von der Schulmedizin praktizierten, lebensgefährlichen Behandlungen mit Aderlaß und abstrusen Medikamenten wie Quecksilber oder anderen Schwermetallen. Das nach dem Gründer der alternativen Lehre benannte Hahnemann College in Philadelphia freilich hat im Jahre 1950, nach hundertjähriger Forschung über die Homöopathie, diese Therapierichtung aufgegeben, weil wissenschaftlich fundierte Belege über deren Wirksamkeit nicht vorgelegt werden konnten. Mögen die homöopathischen Theorien früher einmal zeitgemäß gewesen sein, meint Irmgard Oepen, so hätten sie sich doch mittlerweile als irreführend und unwirksam erwiesen. Von der Homöopathie sollten sich Hochschullehrer folglich ebenso distanzieren wie von astrologischer Gesundheitsberatung oder vom Handlesen, findet die streitbare Schulmedizinerin. Ihr Dekan wird noch deutlicher: „Die von uns vertretene Wissenschaft kann nicht alles erforschen und erklären, aber sie versetzt uns in die Lage zu erklären, daß die Homöopathie nichts erklären kann.“

Indes genießen Befürworter der Homöopathie in der Politik die Unterstützung, die ihnen in der medizinischen Fachwelt fehlt. Von der Aufforderung der Bonner Parlamentarier an die Wissenschaft, Naturheilverfahren und Homöopathie zu erforschen, profitieren besonders die Anhänger der Naturheilverfahren, die sich unter der Führung des Narkosearztes Dieter Melchart im Klinikverbund des Münchner Modells versammelt haben. Melchart und seine Kollegen von der Münchner Ludwig-Maximilian-Universität haben es geschafft, für eine Studie über die Qualitätssicherung bei Naturheilverfahren, die Homöopathie eingeschlossen, den Haushalt des Bayerischen Landtags um knapp zwei Millionen Mark zu erleichtern. Sogar die sich sonst kostenbewußt gebende Allgemeine Ortskrankenkasse in Bayern ließ sich nicht lumpen und gewährte den fünf teilnehmenden Krankenhäusern einige Millionen.

Die Großzügigkeit ist Norbert Blüm zu verdanken. Er ließ 1989 in das damalige Gesundheitsreformgesetz (GRG) die Pflicht zur Qualitätssicherung hineinschreiben. Er wird wohl in erster Linie an die Qualität schulmedizinischer Eingriffe gedacht haben, bei denen passiert ja auch mehr als bei den meisten alternativen Therapien (es sei denn, diese arbeiten zu unbekümmert mit Pflanzengift). Jetzt fließt aber das Geld für die Qualitätsprüfung erst einmal in die Naturheilkunde.

„Das ist“, so der Projektleiter Dieter Melchart, „unser Hauptanliegen.“ Die Homöopathie gehöre, ergänzt er, „zur Naturheilkunde, weü sie wie diese ein autoregulatives Verfahren“ sei. Mit dem nebulösen Begriff will Melchart selbstregelnde Prozesse im Organismus beschreiben, einschließlich der Konfliktbewältigung durch positives Denken.

Für die Bewältigung des Konflikts im Gesundheitssystem scheint die Homöopathie indes gänzlich ungeeignet. Die klassische Medizin wird immer aufwendiger, manchmal auch erfolgreicher; die Nierendialyse zum Beispiel kann Leben verlängern, kindliche Krebserkrankungen können durch teure Medikamente geheilt werden und mit Herzoperationen werden viele Menschen gerettet, die früher gestorben wären. Doch ob unser Geld für alle teuren Verfahren noch lange ausreicht, darüber zerbrechen sich die Gesundheitsökonomen den Kopf. Erst recht muß dann auch über Versicherungsleistungen für homöopathische Therapien gesprochen werden, die zwar guttun, aber nicht heilen – jedenfalls wenn der Selbsttäuschungseffekt zu schwach ist, um das Leiden zu bekämpfen.