Von Fritz Vorholz

Eigentlich hätte sich Hanns Langer gemütlich aufs Altenteil zurückziehen können. Früher als Manager in der Auto- und Textilbranche tätig, verfügt der 61jährige heute über die finanzielle Unabhängigkeit, sein Leben in Ruhe zu genießen, sich beispielsweise seinen drei Kindern und vier Enkelkindern zu widmen. Statt dessen hat der Jurist sich Visitenkarten drucken lassen, auf denen steht: „Radikaler Experte für Überlebensfragen“. Kein Wunder, daß der freundliche Herr sich häufig dem Verdacht ausgesetzt sieht, ein grüner Spinner, ein Phantast zu sein.

Wer aber mit Hanns Langer spricht, merkt schnell, daß er kein Wolkenschieber ist, der die Bodenhaftung verloren hat. Seinen Sinn fürs Handfeste erklärt er einfach so: „Ich bin zum Theoretisieren zu alt. Deshalb möchte ich jetzt was tun.“

Langer, im nordböhmischen Liberec, früher Reichenberg, geboren, wurde mit vierzehn Jahren „unfreiwillig Bayer“, wie er sagt. Heute trifft man ihn aber am häufigsten im Wiener Büro des World Wide Fund for Nature (WWF). Wien ist seit dem Fall des Eisernen Vorhangs zu einer Art Drehscheibe im Ost-West-Umweltschutz geworden. Genau diesem Thema hat sich Langer verschrieben – und zwar mit soviel Hartnäckigkeit und Esprit, daß die meisten Politiker vor Neid erblassen müßten. „Kontrollierte Ungeduld“ nennt er den Antrieb für diesen Tatendrang. Herausgekommen ist dabei ein Plan, der simpel und sensationell zugleich ist.

Der Mann will Kosloduj überflüssig machen – und zwar mit den Mitteln des Marktes. Kosloduj ist eine Bombe, die vorübergehend Strom produziert. So nennen die Kritiker die Atommeiler sowjetischer Bauart. Und genau sechs davon stehen in Kosloduj an der Donau, 220 Kilometer nördlich der bulgarischen Hauptstadt Sofia. Sie sind nach einhelligem Expertenurteil – angefangen bei der Internationalen Atomenergiebehörde bis zu Greenpeace – in einem erbärmlichen Zustand. Über die vier Meiler der Baureihe WWER-440/W-230 urteilt die deutsche Gesellschaft für Reaktorsicherheit: „Praktisch nicht nachrüstfähig.“ Dennoch hat sich die Atomgemeinde in Ost und West zu dem fragwürdigen Unterfangen entschlossen, die Reaktoren zu „ertüchtigen“, wie es so schön heißt.

Es gäbe auch eine Alternative: Jede Energiestudie bescheinigt Bulgarien eine enorme Energieverschwendung, entsprechend groß sind auch die Möglichkeiten zum Energiesparen. Und daraus will Langer Konsequenzen ziehen – mit einer verblüffend einfachen Idee: Er will dafür sorgen, daß zehn Millionen Glühbirnen ausgewechselt werden, Nullachtfünfzehn- gegen energiesparende High-Tech-Leuchtkörper. Der Effekt: Der eingesparte Strom ermöglicht weniger Atomgefahr und mehr Umweltschutz für Ost und West, und das Ganze auch noch fast zum Nulltarif, verspricht Langer. „Kein weiteres, schlechtes Dritte-Welt-Projekt, kein Appell an die Klingelbeutelmentalität, sondern eine all-winners-Strategie“, sagt er stolz.

Das klingt fast zu genial, um realistisch zu sein. Doch es wäre nicht die erste Idee, die scheinbar als Utopie in Langers Kopf entsteht, am Ende aber doch zum Erfolg führt. Da wäre zum Beispiel die Aktion „Natur freikaufen“. Schon vor fünf Jahren gelang es dem WWF-Team um Langer, fast hundert Millionen Schilling aufzutreiben, um ein Stück Donauaue östlich von Wien zu kaufen und vor frevelhafter Nutzung zu bewahren. Das Motto hieß damals: „Die Au braucht Kröten“.