ZDF, Sonntag, 7. März, 22.25 Uhr: „Lady Macbeth von Mzensk“, Opernfilm, nach Dmitrij Schostakowitsch von Petr Weigl

Wir wissen es heute immer noch nicht ganz exakt, ob Stalin 1936 den Artikel in der Prawda selber verfaßte oder nur initiierte. Er hatte im Januar 1936 in Leningrad die zwei Jahre zuvor dort uraufgeführte Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ von Dmitrij Schostakowitsch besucht – und ähnlich reagiert wie mancher Abonnent von „Donnerstags grün“ noch heute: Wutschnaubend hatte er das Theater mitten in der Vorstellung verlassen. Wenig später hieß es in dem Parteiorgan, das ja eigentlich „Wahrheit“ heißt, die Musik sei „mit Absicht entstellt“ und „nach dem Prinzip konstruiert, das die Oper negiert“, es handele sich um „ein linksradikales Chaos statt um menschliche und natürliche Musik“, alles sei „auf primitive Weise vulgär“. Und überhaupt: „Formalismus“.

Wie reagierte, 1936 (und später), ein Komponist (nicht nur in der Sowjetunion)? Die neue Version, „Katerina Ismailova“ (1963), verzichtet auf manches „Getöse, Geknirsch und Gekreisch“ wie auch auf die provozierendsten Passagen – sie wirkt wie ein Photo von einer Plastik. Spätestens freilich seit Mstislav Rostropowitsch sich 1979 in einer Londoner Produktion mit so hervorragenden Sänger(inne)n wie Galina Wischnewskaja, Nicolai Gedda, Dimiter Petkow und Werner Krenn wieder um die Originalfassung des Werkes kümmerte, wissen wir, wie recht der Komponist hatte, als er, während er noch an der Partitur arbeitete, bekannte: „Man kann das Stück als tragisch-satirische Oper bezeichnen.“

Die unter Isolation wie Liebesentzug leidende Frau; der brutal seine Befriedigung suchende Mann; die Zustände im vorrevolutionären Rußland; die Schein-Moral von Kirche und Staatsmacht; der Überlebenswille der Geschundenen; die Skrupellosigkeit des Egomanen; die Verzweiflungstat der um alles Leben Gebrachten: „Ich versuche, etwas zu schreiben, das jener Satire der schrecklichen Willkür und dem Hohn des Krämerdaseins die Maske herunterreißt, uns dazu bringt, dieses System zu hassen.“ Können Greuel und Terror, können Vergewaltigung und Mord „schön“ klingen? Aber Schostakowitschs Musik spricht nicht nur von Blut und Macht, nicht nur von Elend und Tränen, sondern auch von Zartheit und Mitfühlen, von Humanität.

Petr Weigl, bekannt wie umstritten wegen seiner Methode, akustische Opernkonserven, Schallplatteneinspielungen also, im Studio oder gar in freier Natur mit Schauspielern im Playback zu visualisieren, griff jetzt auf besagte Aufnahme von 1979 zurück. Wer die Längen vergleicht – gut zweieinhalb Stunden auf der Platte, 95 Minuten im Film –, ahnt, daß Wichtiges weggefallen sein muß. Wenigstens am Charakter der Musik war nichts zu verändern – die Schnitte tun trotzdem gelegentlich arg weh. Ein bißchen subjektiv darf man die qualitative Frage, was da noch von der Satire geblieben sei, quantitativ bündig beantworten: wenig. Dafür ist eine Menge Drastik hinzugekommen – schließlich läuft da zeitgleich „Playboy’s Love and Sex Test“ bei der privaten Konkurrenz. Das ist die eigentliche Tragik des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, und darüber keine Satire zu verfassen ist die eigentliche Schwierigkeit.

Heinz Josef Herbort