Von Michael Zimmermann

Ich wurde als siebzehnjähriges Mädchen mit meinen Eltern und vier Geschwistern nach Auschwitz deportiert“, erinnert sich Elisabeth Guttenberger, „der erste Eindruck, den wir von Auschwitz bekamen, war erschreckend, man hat uns tätowiert und die Haare abgeschnitten. Bekleidung, Schuhwerk und die wenigen Dinge, die wir mitnehmen durften, wurden uns weggenommen. Die Baracken, ehemalige Pferdeställe, hatten keine Fenster, nur Lüftungsklappen, Oberlicht genannt. Der Fußboden war aus Lehm. Am schlimmsten war der Hunger. Die hygienischen Verhältnisse sind nicht zu beschreiben, es gab kaum Seife und Waschmöglichkeiten.“

„Ich kam hier rein mit meinen elf Geschwistern“, sagt Hans Braun, „mein Vater, meine Mutter, meine ganze Familie, wir waren 56 Personen, nur fünf sind herausgekommen, die anderen sind alle geblieben da drin.“ Elisabeth Guttenberger und Hans Braun sprechen über das Zigeunerfamilienlager in Auschwitz-Birkenau. Sie gehören zu den wenigen Überlebenden.

Sinti und Roma wurden seit Anfang 1943 nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Ein erster Transport aus dem Deutschen Reich war am 26. Februar eingetroffen, ein zweiter am 1. März. Während des ganzen Monats März wurden 12 259 Sinti und Roma nach Birkenau verschleppt, bis Mitte 1944 waren es etwa 23 000. Der letzte Transport datiert vom 21. Juli 1944. Elf Tage darauf wurde das Zigeunerlager von der SS liquidiert. Nicht nur aus Deutschland und Österreich hatte man Sinti und Roma nach Auschwitz „umgesiedelt“ – wie der Tarnbegriff der SS lautete –, sondern auch aus der Tschechoslowakei, aus Polen, der Sowjetunion und dem Baltikum, aus Jugoslawien, Belgien, Frankreich und den Niederlanden. Unter den Deportationsopfern waren außerdem norwegische, spanische und ungarische Roma.

Die Diskriminierung der Zigeuner wurde seit 1933 zusehends schlimmer. Zunächst haben die Nationalsozialisten jene Formen der Bedrückung radikalisiert, die schon im Kaiserreich und in der Weimarer Republik üblich gewesen waren. Verschiedene Ländergesetze wurden nach dem Vorbild des bayerischen Zigeuner- und Arbeitsscheuengesetzes von 1926 verschärft. Dieses Gesetz, das vielen Nazis vorbildlich erschien, sah vor, „Zigeuner und Landfahrer“ in Arbeitshäuser zu stecken, wenn sie den „Nachweis einer geregelten Arbeit nicht zu erbringen“ vermochten.

In mehreren Städten verwehrten Polizei und Fürsorgeämter den Fahrenden nach 1933 außerdem wider geltendes Recht das Betreten privat geführter Plätze und wiesen ihnen kommunale, oft mit Stacheldraht umgebene Sammellager zu. Und waren deutsche Zigeuner bereits vor 1933 meist mit Mindestfürsorgesätzen abgespeist worden, so ging mache Gemeinde nun dazu über, einen gesonderten „Zigeunersatz“ einzuführen, der unter demjenigen für „hilfsbedürftige Volksgenossen“ lag. Überdies wurden Sinti und Roma zu Opfern der NS-Rassenpolitik. Seit 1936 war Zigeunern nach dem „Blutschutz-“ und dem „Ehegesundheitsgesetz“ verboten, als vermeintlich „Artfremde“ oder „Gemeinschaftsfremde“ mit „Deutschblütigen“ eine Ehe zu schließen.

Innerhalb einer „vorbeugenden Verbrechensbekämpfung“ wurden 1938 zahlreiche Sinti in den KZs Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen festgehalten. 1938/39 wurde zudem eigens ein kriminalpolizeilicher Apparat zur „Zigeunerbekämpfung“ aufgebaut. Die vom Reichskriminalpolizeiamt gewünschte rassistische Einordnung der Zigeuner oblag der 1936 gegründeten Rassenhygienischen Forschungsstelle beim Reichsgesundheitsamt. Sie wurde von dem Nervenarzt Robert Ritter geleitet. „Fliegende Arbeitsgruppen“ seiner Forschungsstelle reisten durch das Deutsche Reich, um Sinti und Roma aufzusuchen und über ihre Abstammungsverhältnisse zu verhören. Wer sich mißtrauisch zeigte, wurde nicht selten geschlagen und hatte mit polizeilichen Schikanen zu rechnen.