Von Ulrich Schiller

Washington

Mario Cuomo, der Gouverneur von New York, redete sich in Zorn: Ein Bombenanschlag bringe die Stadt und die ganze Nation außer Atem, aber mit der täglichen Gewalt lebe man im Gleichmut wie mit einer alten Gewohnheit. So wetterte er in einem Fernsehinterview, um die Erregung über den Anschlag auf die Türme des Welthandelszentrums abzubauen. Cuomo weiß, wovon er redet. Zwar teilte New York die Schlagzeilen mit Waco, einem obskuren Städtchen in Texas, aber doch nur deshalb, weil dort ein selbst für Amerika außergewöhnliches Drama spielte: Ein "neuer Christus" hatte den Sitz seiner Sekte in eine waffenstarrende Festung verwandelt, und die Polizei zählt gleich zu Beginn einer vergeblichen Durchsuchungsaktion vier Tote und sechzehn Verwundete.

Wie sich die Sekte bis an die Zähne bewaffnen konnte – darüber wundert sich in Amerika niemand.

Die Beschaffung von Sprengstoffen, wie sie zumeist in Bergwerken oder Steinbrüchen verwandt werden, ist eher noch einfacher als der Kauf einer Waffe. Formulare sind zwar auszufüllen, bleiben aber beim Verkäufer, so daß eine zentrale Datenkartei über Sprengstoff-"Konsumenten" gar nicht existiert. An die zwei Millionen Tonnen Sprengstoff gehen in den USA jährlich durch den Handel. Die Autobombe in Manhattan, glaubt FBI-Kommissar Fox, sei Sprengstoff im Volumen von vier Überseekoffern gewesen.

Es ist das Ausmaß der kalkulierten Herausforderung, das die Amerikaner – nicht nur die New Yorker – aufschreckt und erregt. Die letzten Terroranschläge auf amerikanischem Boden mit Toten und Verwundeten, verübt von kroatischen Nationalisten, liegen fast zwei Jahrzehnte zurück. Terrorismus, wie ihn die Europäer leidvoll erfuhren, blieb Amerika erspart. Bisher jedenfalls. Unterblieb er, weil Terroristen um ihre Fluchtwege fürchteten? Oder hatten CIA und FBI, Auslandsaufklärung des Geheimdienstes und das Bundeskriminalamt, bisher so gut aufgepaßt?

Einige Terrorismusexperten sind der Ansicht, eine grundsätzlich neue Lage ergebe sich aus der Monopolstellung der USA als Großmacht. Die Vereinigten Staaten würden deshalb in der neuen Weltunordnung für alles haftbar gemacht, was irgendeiner "Bewegung", einer religiösen oder nationalistischen, gegen den Strich gehe.