Von Werner A. Perger

Bonn

Als der Regierungschef am Tiefpunkt seiner Popularität angelangt war, traf er eine beherzte Entscheidung und kündigte seinen Rücktritt an, auch als Parteivorsitzender. „Es ist Zeit für mich, beiseite zu treten“, sagte er. Ein Akt politischer Notwendigkeit. Mit der Rücktrittserklärung, schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung unsentimental, tat er „sich selber und seiner Partei vermutlich den besten Dienst, den er zuletzt noch leisten konnte“.

Kein Bonner Szenario, wie man weiß. Hier handelt es sich um Brian Mulroney, seit mehr als acht Jahren kanadischer Premierminister und Vorsitzender der Konservativen. Doch mag sich dieser Rückzug auch in weiter Ferne abspielen, seine Beschreibung in dem Frankfurter Blatt liest sich streckenweise wie eine diskrete Mitteilung an den Bonner Freund des Hauses: Mulroney, Respekt!, habe „seine Partei von einer Last befreit“ und sich einen Abgang ohne Wahlniederlage gesichert: „Er verläßt sein Amt formal ungeschlagen.“

Das klingt vertraut. So und ähnlich raunen hinter vorgehaltener Hand und im kleinsten Kreise jene Christdemokraten, die aus Sorge um die Zukunft ihrer Partei darüber nachdenken, ob es nicht auch höchste Zeit für den eigenen Regierungschef und Parteivorsitzenden wäre, „beiseite zu treten“.

Seine Popularität ist auf dem Tiefpunkt, und die seiner Partei inzwischen auch: Im ZDF-Politbarometer rutschte sie im Februar bei den Sympathiewerten um drei Punkte auf 28 Prozent ab. Hat die „Ära Kohl“, fragt man inzwischen auch in Kohls Parteipräsidium, ein solches Ende verdient?

Noch gibt es keinen in der Führung der Union, der den Vorsitzenden mit dieser Frage – und mit dem Vorbild Mulroney – konfrontieren würde. Noch kommt die Loyalität zum Kanzler vor der „Solidarität mit der Partei“, wie ein Mann des Präsidiums klagt. Erwin Teufel, der baden-württembergische Ministerpräsident, den die Kohl-Kritiker in der Partei für den halten, der dazu am ehesten berufen wäre, ist dazu bisher nicht bereit.