Von Iris Radisch

Nehmen wir an, wir könnten für einen Augenblick die Welt aus dem Auge verlieren und damit aus dem Sinn. Nehmen wir an, wir könnten einmal ganz ungestört mit uns allein sein, von Ich zu Ich in Ruhe mit uns sprechen. Dann wären wir da, wo Nathalie Sarraute ist: in einem Niemandsland des reinen Geistes, an einem Ort, der viele Namen hat und keinen – Seele, Bewußtsein, Stammhirn, innere Stimme.

Das jüngste Buch der 93jährigen Nathalie Sarraute ist nicht gerade brennend aktuell, nicht gerade am Nerv der Zeit, ein Buch in fliederfarbenem Umschlag. Es ist vermutlich das letzte Zeugnis einer hochbetagten literarischen Avantgarde, die vor über vierzig Jahren den biederen Habitus der Literaturkritik, ihre unbedingte Vorliebe für einen kurzweiligen Realismus und eine literarisch aufbereitete Staatsbürgerkunde verdienstvoll, aber erfolglos bekämpft hat.

"Es gibt Kritiker", beklagte sich Nathalie Sarraute in den fünfziger Jahren, "die als gute Pädagogen so tun, als hätten sie nichts bemerkt, sie versäumen keine Gelegenheit, um als letzte Wahrheit zu verkünden, daß der Roman vor allem eine ,Geschichte‘ sei, ,in der Personen leben und handeln’, und dies auch immer so bleiben werde, und daß ein Romanautor diesen Namen nur verdiene, wenn er fähig sei, an seine Gestalten zu glauben und ihnen dadurch ‚Leben‘ und die nötige romanhafte ‚Dichte‘ zu verleihen." Nathalie Sarraute war unbeirrbar die Antiautorin. Sie verachtet die romanhafte "Dichte", die lebensechten Charaktere und die realistische Ausstattung. Buch um Buch hat sie aus ihren Werken alles entfernt, was man mit zwei Händen fassen, mit zwei Augen sehen kann. Jetzt ist die Bühne frei für den Auftritt der nackten Seele – in einem Buch ohne Eigenschaften, ohne Geschichten, ohne Menschen. Ist das noch ein Buch?

Oder was sonst? Ein ununterbrochenes Gerede, eine anarchische, wilde Unterhaltung der Seele mit ihren ungezählten Bestandteilen, ein intimes, zielloses Geplauder, ein philosophisches Sprechtheater, in dem herrenlose Worte über eine leere Bühne irren, die man sich als das tiefste, verborgenste Innere des Menschen vorzustellen hat. In dieser geheimnisumwehten Kommandozentrale des Menschen, die in der Philosophie abwechselnd das "transzendentale Ego", "präreflexives Cogito", das "reine Selbst" und so weiter heißt, sieht man die Seele bei der Arbeit. Oder besser: hört man sie bei der Arbeit. Denn sehen kann man dort wohl nichts.

Deshalb bleibt einer Literatur, die den Menschen als ein Wesen mit Eigenschaften und Anzugsgröße beschreibt, alles Wesentliche, das Flattern und Zittern im Geiste, verschlossen. Das jedenfalls hat Nathalie Sarraute schon vor Jahrzehnten in ihrem Essayband "Zeitalter des Argwohns" behauptet und seither unzählige Male wiederholt. Nur aus intellektueller Nachlässigkeit, aus bornierter Bequemlichkeit, glaubt die Autorin, konnte die Literatur sich dem unsichtbaren Seelendrama des Menschen verschließen und mit dem schnöden Schein des Lebens zufriedengeben.

"Sie lieben sich nicht?" "Wieso denn das? Wie ist das möglich? Sie lieben sich nicht? Wer liebt wen nicht? – Du dich nicht, natürlich ... das war nur eine Höflichkeit, aber es richtete sich allein an dich. – An mich? An mich allein? Nicht an euch alle, die ihr in mir seid ... wir sind ja so viele ... ‚eine komplexe Persönlichkeit‘ ... wir alle anderen ... wer soll also wen lieben bei alledem?" Und wie viele Ich bin ich? Was denke ich, wenn ich an mich denke? Und wer in mir denkt eigentlich was? Das sind die Fragen der Seele.