Von Michael Braun

Beflügelt vom Zorn des Gerechten; aber auch ganz und gar überwältigt vom eigenen Entlarvungseifer, fiel der Dichter Wolf Biermann seinerzeit über das Prenzlauer-Berg-Idol Bert Papenfuß-Gorek her. Das "Zeug" solcher "Nebelkrähen" wie Papenfuß-Gorek, dröhnte Biermann, sei "gequirlter Stumpfsinn" und "seichte Wortspielerei". Dilettantischer hätte ein Urteil über Papenfuß’ Gedichte kaum formuliert werden können. In Biermanns vollmundigen Stammtischphrasen hallt unüberhörbar das uralte kulturkonservative Ressentiment gegen die experimentelle Moderne nach. Das eifersüchtige Löwengebrüll wirkte denn auch kontraproduktiv: Die Papenfuß-Gorek-Fangemeinde scharte sich nur um so enger um ihr Idol, während die umstrittenen Texte genaueren Blicken entzogen blieben.

Wer sich jedoch die sprachakrobatischen und wortwitzigen Gedichte von Papenfuß-Gorek nicht in wehrloser Bewunderung um die Ohren hauen läßt, der bemerkt rasch, daß sich hier nicht alles einer exorbitanten Rebellion gegen die Sprachkonventionen verdankt, sondern daß hier oft grausam gekalauert und peinlich dilettiert wird.

Gewiß, wie kein anderer Lyriker seiner Generation vermag es der 1956 geborene Bert Papenfuß-Gorek, die Sprache des Gedichts zu dynamisieren, "kreuts & kwehr" durch Alltags-, Szene- und Fremdsprachen zu vagabundieren, ohne sich im sinnfreien Sprachspiel zu verflüchtigen. Auch in seinem neuen Gedichtband "NUNFT" brabbelt kein unpolitischer spätdadaistischer Gartenzwerg daher, vielmehr zieht hier ein begabter Sprachmonteur einmal mehr alle Register von Sprachspiel und Wortwitz, um eine extreme Tonlage zu erreichen.

"Mit aller Wucht des Wortpralls" versucht Papenfuß-Gorek die orthographischen, syntaktischen und semantischen Regularien unserer Sprachordnung zu sabotieren. Da werden Wörter und Redewendungen demontiert, verballhornt und neu zusammengesetzt, da werden fremdsprachige Zitatfetzen und dialektale Sprachbrocken eingeschleust, um das vorschnelle Sinnbedürfnis des Lesers nachhaltig zu stören. Da erreicht der Assoziations- und Verballhornungsfuror eine solche Geschwindigkeit, daß man als Leser kaum mehr folgen kann. So kulminiert zum Beispiel das Gedicht "hallstatt revisited" in einer privaten Kunstsprache, collagiert aus unterschiedlichsten Sprachfragmenten: "all hell broke loose, it was geschlossen once & for all / all vernäugnens alltauhop mit eis is dwatsch, secht plutarch / all allerwägens unnerlaten – gefäuhllos; denn man tau / sagenhaftes mußte gesagt werden & celebriert ein actus / grauer magie gegen des grauens ucht..."

Weil er der subversiven Kraft seiner eigenen Gedichte offenbar nicht recht traut, wirft sich Papenfuß-Gorek des öfteren in Bürgerschreck-Pose und wedelt mit reichlich abgestandenen Obszönitäten, die höchstens noch am Prenzlauer Berg fürchterlich aufregend wirken. "Sei ein auftuch von fick" – dieser antilyrische Imperativ eröffnet den neuen Gedichtband und wird gleich in mehreren Variationen wiederholt. An exponierter Stelle eines Gedichts ein "fuck off", einen "fickfisch", "fickfrosch" oder ein "verfickt" zu plazieren, ist jedoch schon lange keine häretische Heldentat mehr. Seine sprachschöpferische Kreativität gerät immer dann ins Stocken, wenn der Dichter sein anarchistisches Weltbild illustrieren oder politischen Frontalunterricht erteilen will.

Im Gedicht "guten morgen, RAF" portraitiert er sich selbst als anarchistischen Einzelgänger, der jeder Ideologie und jeder "irgendwie zwischenmenschlich zu nennenden Übereinkunft" eine Absage erteilt. Eine unverbrüchliche "Übereinkunft" bindet ihn allerdings noch immer an Sascha Anderson, den Prenzlauer-Berg-Lyriker mit dem Stasi-geprägten Doppelleben, "unser aller anderson" darf sogar eine kleine Probe seiner Kunst zu der "nymfonie" beitragen, die Papenfuß-Gorek zusammen mit der Gruppe "Novemberklub" komponiert und instrumentiert hat. Musikalisch erweisen sich die Mitglieder dieses "Novemberklubs" als perfekte Plünderer: Ihre "nymfonie" (sie liegt als CD dem Gedichtband bei) gleicht einer Collage aus T. Rex, Einstürzende Neubauten und den Toten Hosen. In "die giermann-produkte-verbrennung" und "das schedlinski-gedächtnis-schausaufen", zwei Texten aus der "nymfonie", werden die avantgardistischen Reihen fest geschlossen: Die Anderson-Affäre erscheint als bodenlose Farce, angezettelt von "schminkfinken & imkern der zweiten garnitur".