Von Konrad Heidkamp

Zu sehen ist – und war – da kaum etwas. Auch nicht im Konzert. Als die fünf Herren vor drei Wochen zu zwei Konzerten in Deutschland erschienen. Optische Verweigerung. Da geriet eine leichte Körperdrehung des Klarinettisten schon zur ekstatischen Gebärde, da wirkte die Ankündigung einer kleinen Pause wie Geschwätzigkeit, da wurde dem begeisterten Publikum kaum eine Chance gegeben zu klatschen. Ende also der oft so ergiebigen Beschreibung des Ambientes. Wir dürfen zuhören.

Zu hören ist eine Musik, die ebenso aufregend wie langweilig klingen kann: die Musik des Gitarristen Bill Frisell, der vor kurzem eine der schönsten Aufnahmen der letzten Zeit veröffentlicht und doch nur ein kaltwarmes Konzert gegeben hat; Musik, die man hassen und lieben kann und – Verblüffenderweise – beides zugleich.

Der schwebende Klang des introvertierten, wortkargen Bill Frisell, am 18. März 1951 in Baltimore, Maryland, geboren und in Denver aufgewachsen, durchzieht seit 1978 mehr als sechzig Platten und CDs. Die Verkörperung des idealen Begleitmusikers, dessen Tonfall zwischen zwei Extremen pendelt: breitflächige Dehnungen von Melodiepartikeln und unvermutetes Abbrechen oder Verzerren von Akkorden. Doch zu erkennen ist er stets: immer in der Mitte, immer ausgleichend, immer poetisch. Dem existentiell tragischen Saxophon Jan Garbareks verleiht er Duftigkeit, die hektischen Kürzel eines John Zorn verbindet er zu einer Einheit, die Gedankenlyrik Paul Bleys umspielt er mit Wärme. Und sie alle schätzen und brauchen ihn: vom Brasilianer Caetano Veloso über den Beatpoeten Allen Ginsberg bis zum Klangeklektiker Gavin Bryars.

Der Versuch, dem Phänomen Bill Frisell nachzuforschen, gerät leicht zum Exkurs über Tendenzen in der modernen (Jazz-)Musik. Da wäre vom Zitatcharakter zu reden, von der freien Verfügbarkeit über alle Stile, von Collagen und Post-etcetera. Und wirklich, alles trifft zu, Bill Frisell ist überall zu Hause: im Jazz, in der Rock- oder Countrymusik, im Blues, in der amerikanischen Klassik. Er liebt Jimi Hendrix ebenso wie Jim Hall – es könnte grauenhaft klingen.

Man kann es aber auch so hören: ein traumhaft schwebender Dreiklang, das zarte Tok des Schlagzeugs, das getragene Unisono der Klarinette, ein langsam schreitender Baß – bedrohlich, klagend in schönster Tonalität badend, sich zu einem Mahlstrom beschleunigend, über Minuten anhaltend, und dann das Ende. Es läßt den Zuhörer fröstelnd vor Schönheit zurück. Und dann? Schräg quäkt die Klarinette zum hölzernen Humptata des Schlagzeugs und durchgeschlagenem Baß, der Fuß wippt, das Ohr vibriert. Zeitgenössische Schunkelmusik zum Mitlächeln.

Was auf Bill Frisells neuer CD „Have A Little Faith“ (Elektra Nonesuch, Vertrieb east west) als Einheit erscheint, zerfällt im Konzert. Der erste Teil vor der Pause – ältere Stücke und Eigenkompositionen – trägt noch alle Züge des Disparaten, tonaler Wohlklang oft allzu kopflastig mit freien Passagen vermischt. Eine Sammlung schöner Gemälde ergibt noch keine Ausstellung. Jedes genügt sich selbst, und kaum eines verweist auf das andere. Ein Sammler also, ein Liebhaber des Unvereinbaren?