Dieser Mann ist nicht gefährlich: „Cet homme n’est pas dangereux“, so hieß seine Autobiographie, aber er konnte es zehnmal sagen, sie glaubten es ihm nicht mehr, seit er Lemmy Caution gewesen war, einmal, viele Male, für immer. Sie waren aus der Schule entwischt und aus dem Kinderzimmer ins Kino geflohen, um ihn wie Schmeling boxen, wie Capone schießen, wie Casanova Frauen verhexen zu sehen, in Filmen mit Titeln, die vor Anklang lallten: „Küsse, Kugeln und Kanaillen“, „Liebe, Lumpen, Leidenschaften“, „Morphium, Mord und kesse Motten“, „Rote Lippen – blaue Bohnen“, „Heiße Küsse – scharfe Schüsse“. Dann, Mitte der sechziger Jahre, verließen sie ihn, weil er sie verlassen hatte und zu Godard gegangen war, nach „Alphaville“ und in die kleine, ernste Kinematographie, in der er endlich wie ein Mensch aussah, obwohl er noch immer Lemmy Caution hieß. Später holte ihn der Junge Deutsche Film vor die Kamera, denn die Lommel, Fassbinder, Praunheim, Ottinger, Lilienthal liebten seinen schweren Akzent und die Verlorenheit, die ihn umgab, in einer Villa auf Capri oder in einem deutschen Wohnzimmer, und ihn selber schien es wenig zu kümmern, in welchem Film er gerade auftrat, solange er keine Pistole ziehen und keine „Miezen“ umarmen mußte. Den schönsten Epilog aber hat ihm wieder Godard geschrieben, in einem Film, der beides zusammenführt, die deutsche Schwermut und die französische clarté: „Allemagne neuf zéro“, das Lied vom letzten der Spione und seiner Reise in die Einsamkeit. Am Donnerstag vergangener Woche ist Eddie Constantine, der Europäer mit dem amerikanischen Gesicht, der in Los Angeles geboren und in Paris berühmt wurde, in seinem Haus in Wiesbaden gestorben, 75 Jahre alt.

A.K.