Von Jürgen Krönig

London

Der Mord an dem zweijährigen James Bulger hat die britische Nation erschüttert. Wohin driftet die Gesellschaft? Welches sind die Gründe für den moralischen Verfall? Warum werden die Tabuschwellen immer niedriger? Nichts scheint mehr Gültigkeit zu besitzen; einst respektierte Institutionen sind ins Wanken geraten; das Land treibt führungslos dahin.

Für die meisten Briten ist der Mord von Liverpool ein erschreckendes Symptom; es bestätigt, daß die Gesellschaft aus den Fugen geraten ist. Die Welle der Gewalttaten, die längst nicht mehr auf die trostlosen Ghettos britischer Städte beschränkt ist, erscheint als düsteres Omen für die Zukunft: Die Briten folgten in den achtziger, den Thatcher-Jahren jenen, die Individualismus und Durchsetzungsvermögen als Voraussetzungen für die Modernisierung des Landes bezeichneten. Jetzt belegen Dauerrezession und Massenarbeitslosigkeit, daß der Preis des sozialen Zerfalls vergeblich bezahlt wurde.

Der bürgerlichen Mittelklasse Großbritanniens erschienen die Städte stets als ferne, wenn nicht bedrohliche Welt. Ihr entzogen sie sich mit dem Rückzug in die ländliche Idylle. Jetzt haben jugendliche Autodiebe, die wie ihre betuchten Mitbürger dem Kult PS-starker Wagen verfallen sind, sie dort eingeholt. Nur die Sicherheitsindustrie, die einzige Zukunftsbranche des Landes, freut sich darüber. Heute kündet der schrille Ton der Alarmanlagen gleichzeitig von Attacken auf das Eigentum wie von den Ängsten städtischer Auto- und Hausbesitzer. Landsitze und Farmen werden zu Festungen hochgerüstet.

Die Medien verstärken die Furcht zusätzlich. Immer wieder zeigt das Fernsehen furchtbar zugerichtete Gesichter alter Menschen, die von meist jugendlichen Banden in ihren Landhäusern überfallen, ausgeraubt und brutal zusammengeschlagen werden. Junge Mütter legen ihren Kleinkindern Gängelbänder an, bevor sie sich auf die Straße wagen.

Während fünfzehn Jahren haben die Konservativen "Recht und Ordnung" gepredigt. Die Polizei, besser bezahlt und ausgerüstet denn je zuvor, ist erheblich verstärkt worden. Dennoch wird sie der wachsenden Kriminalität nicht mehr Herr. Die Aufklärungsrate ist auf zwanzig Prozent gesunken. Die jugendlichen Delinquenten werden immer jünger; vor Polizeibeamten und Opfern brüsten sich zehnjährige mit ihren Missetaten und verkünden triumphierend, das Gesetz können ihnen nichts anhaben.