Von Thomas Schmid

Im Rückblick scheint es kaum faßbar, mit welcher Ahnungslosigkeit das Unternehmen der deutsch-deutschen Vereinigung in Angriff genommen wurde. Daß das Zusammenfügen zweier Teile, die zwar etwas miteinander zu tun haben, sich aber doch sehr fremd sind, vorerst nicht Harmonie, sondern Hader und Zwietracht bewirkt, empfinden wir heute als selbstverständlich. Wir sind nachhaltig belehrt: Einheit muß keineswegs verbinden, Einheit kann auch spalten.

Wie aber soll die Einigung gelingen? Robert Leicht empfiehlt uns den umsichtig-kritischen Bezug, vielleicht auch Rückbezug zum Patriotismus. Er hat recht: Die Rede vom deutsch-deutschen Solidarpakt färbt schön, denn sie spiegelt Solidarität dort vor, wo es in Wahrheit nur Interessengegensätze gibt, wo also – verallgemeinernd – die BesitzstandswahrungWest gegen die Begehrlichkeit Ost steht. Wenn also wider allen Anschein etwas aus dem deutsch-deutschen Unternehmen werden soll, dann braucht es etwas im guten, also nicht-chauvinistischen Sinn Überwölbendes.

Dagegen wendete sich Gunter Hofmann mit den Argumenten, die vierzig Jahre nicht-nationale Geschichte der Bundesrepublik ans linke Ufer gespült haben. Den Patriotismus mag er sich nur als von oben verordneten vorstellen; dieser könne den notwendigen Konstitutionsakt der neuen, vereinten Republik nicht ersetzen.

Während also der Gegner eines wie auch immer gearteten Patriotismus gar keine Argumente für das anführt, was doch offensichtlich ist, nämlich dafür, daß die Deutschen untereinander terms oftrade finden müssen, bemüht der Advokat eines aufgeklärten Patriotismus im Grunde nur die Verantwortungsgemeinschaft derer, die als Beteiligte oder Erben in der deutschen Tradition eines zuletzt verbrecherischen Nationalismus stehen. In beiden Fällen wird auf die deutsche Vergangenheit zurückgegriffen, um aktuelle Vorhaben zu begründen. Das reicht nicht aus.

Sicher, Patriotismus ist ein verbranntes Wort, Zu Recht mißtrauen wir denen, die es ohne Zögern in den Mund nehmen. Gerade kritische Geister enthebt das jedoch nicht der Pflicht zur Nachfrage: Ist mit Patriotismus wirklich nur jene elende Welt von Pickelhaube und Stahlhelm gemeint? Schon ein oberflächlicher Blick in die Geschichte der Ideen und Taten zeigt, daß dem nicht so ist. Patriotismus hat, historisch gesehen, viel mit Gesellschaft, im Grunde aber nicht mit Nation zu tun. Fast könnte man sagen, daß Patriotismus das republikanische Gegenstück zum letztlich völkischen deutschen Verständnis von Nation ist. Darauf hat früh schon (wenngleich vergeblich) Dolf Sternberger hingewiesen: Stets sei es die römische Republik gewesen, die dem europäischen Patriotismus als Leitstern gedient habe: "Das Vaterland ist die ‚Republik‘, die wir uns schaffen. Das Vaterland ist die Verfassung, die wir lebendig machen. Das Vaterland ist die Freiheit, deren wir uns nur wahrhaft erfreuen, wenn wir sie selber fördern, nutzen und bewachen."

Der Patriotismus ist viel älter als der Nationalismus. Es zeichnet ihn aus, daß er nicht tümlich, sondern von klarster Gesellschaftlichkeit ist. Das Vaterland, das mit ihm gemeint ist, ist nicht der Ort des trägen So-Seins, der Herkunft und der Bestimmtheit durch Geschichte, Tradition und Blut, sondern der Ort der Konstitution, der Gesellschaftsbildung und der immer wieder nötigen Bestätigung der Freiheit. Sternberger schrieb 1982: "Aber es bleibt dabei, das Vaterland ist nicht der Mutterschoß, kein dunkles mythisches und mystisches Wesen, worin alle Personalität, alle individuelle Freiheit, versänke. Das Vaterland ist ganz im Gegenteil gerade dadurch ausgezeichnet, daß wir darin die Luft der Freiheit atmen können."