Von Ralf Neubauer

Wolfgang Krüger* wirkt ruhelos. Das Stillsitzen fällt dem 28jährigen schwer, im Gespräch springt er von Gedanke zu Gedanke. Mal hadert er mit seinem Schicksal („Eigentlich habe ich die Nase voll“), um im nächsten Moment begeistert von den Millionenaufträgen zu schwärmen, die er binnen kürzester Frist an Land ziehen könnte. Zur Akquisition neuer Kunden fehlt dem Ostberliner Jungunternehmer indes die Zeit: „Ich renne nur noch wegen Geld herum.“

Krüger kämpft um die Existenz seiner Firma. Ihm fehlen schätzungsweise 500 000 Mark, um sein Büromöbelgeschäft vor dem Untergang zu retten. Wie groß die Schieflage tatsächlich ist, rechnet der Steuerberater gerade aus. Nur soviel scheint klar: Verzichten die wichtigsten Gläubiger nicht auf einen guten Teil ihrer Forderungen, bleibt wohl nur der Gang zum Konkursrichter.

So wie Krüger geht es vielen Existenzgründern in Ostdeutschland. Sie haben sich voller Optimismus und Tatendrang in die Selbständigkeit gestürzt und müssen jetzt feststellen, wie erbarmungslos in der Marktwirtschaft Fehler bestraft werden. Nachdem der erste Gründungsboom deutlich abgeebbt ist, geraten immer mehr Neuunternehmer in ernsthafte Schwierigkeiten. Hans-Dieter Bremm, Mittelstandsexperte der Industrie- und Handelskammer in Berlin, spricht unumwunden von einer „Pleitewelle“.

Tatsächlich zeichnet die Statistik ein eindeutiges Bild. Nach Angaben der Wirtschaftsauskunftei Creditreform hat sich die Zahl der Unternehmenspleiten im Osten mehr als verdoppelt. Mußten 1991 lediglich knapp 400 Firmen ihre Zahlungsunfähigkeit erklären, so waren es im vergangenen Jahr bereits gut 1000 Unternehmen. Tendenz: weiter steigend. Für 1993 rechnet Creditreform-Forscher Michael Bretz wiederum mit einer Verdoppelung der Insolvenzen.

Bretz sieht darin aber nur die „Spitze eines Eisbergs“. Erst ein Blick in die Gewerberegister mache das „wahre Ausmaß der Unternehmensschwäche“ deutlich. Auf zwei Gewerbeanmeldungen kam 1992 eine Gewerbeabmeldung. Im Nachwendejahr 1991 war dieses Verhältnis noch sehr viel günstiger. Etwa vier neu gegründeten Unternehmen stand eine Firma gegenüber, die wieder aus dem Register gestrichen wurde.

Politiker und Verbandsvertreter sprechen angesichts dieser Entwicklungen nur allzugern von einer „Normalisierung des Gründungsgeschehens“. Schließlich verschwindet auch in Westdeutschland jeder zweite Neuunternehmer binnen dreier Jahre wieder vom Markt. Die beschwichtigende Auslegung der Fakten kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Mittelstand im Osten schwer auf die Beine kommt.