Von Bernd Müllender

Botaniker nennen sie actinidia chinensis. Der Name verweist auf den Ursprung: China, genauer das Szetschuan-Tal, wo sie, weitgehend unbeachtet, Yang-tao hießen. Kurz nach der Jahrhundertwende brachten Reisende ein paar Samen nach Neuseeland. Einige schlugen sogar an, man bestaunte das schnelle Wachstum (bis zu einem Zentimeter pro Stunde), erfreute sich an den hübschen, fächerförmigen Blättern und den weißen Blüten und nannte das neue, exotische Gewächs Chinesische Stachelbeere. Auf die Idee, die harten runden Früchte zu essen, kam jahrzehntelang niemand.

Erst in den vierziger Jahren wurde – eher zufällig – entdeckt, daß sie doppelt soviel Vitamin C enthalten wie eine Orange, reichlich Kalium, Vitamin E und Ballaststoffe, aber nur schlappe fünfzig Kilokalorien. Man begann zu naschen, und erste mutige Kunden kauften sie vereinzelt auf den Wochenmärkten des Landes. Dank vieler Züchtungsbemühungen und Glücksentdeckungen – etwa daß sie sich bei null Grad Celsius über ein halbes Jahr kühlen läßt und dabei noch an Aroma gewinnt – und nach vielen, anfangs zähen Verkaufsanstrengungen wurde die Kiwi zum süßen Knüller. Heute mißt sich ihre jährliche Verkaufszahl in Milliarden. Damit kann die Kiwi-Frucht wohl auf die beeindruckendste Erfolgsstory im Agrarbusineß ™ der vergangenen Jahrzehnte zurückblicken. In Neuseeland, wo in siebziger Jahren der Siegeszug der Kiwi in die Obstschalen und Dessertteller der Welt begann, sprach man bald von der „Coca Cola der Früchteindustrie“.

Noch vor rund zwanzig Jahren, als Testverkäufe in schwedischen Supermärkten den großen Durchbruch brachten, mag sie mancher auf den ersten Blick für eine haarige Kartoffel gehalten haben oder für ein häßlich-pelziges Ei. Beliebter Schnack damals: Die ersten Käufer in Europa und den Vereinigten Staaten wußten wahrscheinlich gar nicht, was sie mit den grünbraunen Dingern machen sollten: „Eat it or beat it to death?“ – Soll man die komischen Kugeln essen oder totschlagen? Und als einer der ersten neuseeländischen Exporthändler einen Karton voll als Musterprobe im Flugzeug mitnahm, so erzählt man sich heute gerne, hat eine Stewardeß erschrocken „Hilfe, Handgranaten“ gerufen und wollte schon Alarm geben.

Solche Geschichten gefallen einem wie Walter Bayliss aus dem neuseeländischen Nordinsel-Städtchen Te Puke, der laut Eigenwerbung „Kiwi-Kapitale der Welt“. Bayliss, heute 67, ist der letzte noch aktive Pionier, der in den sechziger Jahren seine Zitronenbäume abhackte und statt dessen das grüne Früchtchen in großem Rahmen anzubauen begann, schließlich auf den Weltmärkten reichlich verkaufte und, wie fast alle Kiwi-Farmer, schwer reich wurde an den vitaminstrotzenden Kugeln. „Anfangs haben wir gar nicht geahnt, welche ungeheure Potenz in den kleinen Dingern steckt“, sagt er, „aber plötzlich verkauften sie sich schneller, als sie wuchsen, und Deutschland wurde der allerbeste Markt.“ Das war 1980: Da landete mehr als jede dritte Kiwi in der Bundesrepublik, rund 6000 Tonnen. Acht Jahre später hatte sich die Produktion noch einmal fast verzwanzigfacht. Die Kiwi war in.

Mehr als große Worte liebt es Walter Bayliss, Besuchern „diesen besonderen Zauber der Reben“ vorzuführen. Wir stehen unter einer Kiwi-Hecke, er erläutert diverse gärtnerische Details, bittet um vorsichtiges, bewunderndes Streicheln der Erfolgsbeeren und fordert dann auf, sich zu bücken und durch die Beine nach oben zu sehen. „Ist das nicht unglaublich?“ In der Tat: Aus diesem Blickwinkel sieht es aus, als habe sich die Anzahl der ohnehin schon dicht an dicht herunterhängenden Früchte noch einmal vervielfacht. Warum das so wirkt, weiß auch Kiwi-Fachmann Bayliss nicht. „Halt eines ihrer kleinen Geheimnisse...“, sagt er sibyllinisch.

Doch genau dieser Blick symbolisiert gleichzeitig das derzeitige Ende des Booms. Der Kiwi-Output ist gigantisch, die Weltmärkte verkraften ihn nicht mehr. Schon 1990 waren in Neuseeland 8 (von 82) Millionen Kisten unverkäuflich geblieben. Warnsignale wurden überhört. Und die Saison 1992, sagt Bayliss, „ist eine einzige Katastrophe“: Ein Drittel der Ernte, so die Bilanz zum Jahreswechsel, landete auf der Müllhalde, etwa 25 Millionen Kisten – das sind fast 900 Millionen Stück. Erschwerend war 1992 der Preisverfall auf den europäischen Obstmärkten hinzugekommen, etwa durch die Rekordapfelernte und immer billigere Bananen.