Von Klaus-Peter Schmid

Wenn deutsche Politiker nicht weiterwissen, verweisen sie gerne auf Europa. So hätten es die Sozialdemokraten am liebsten, wenn Brüssel angesichts des Desasters in der Stahlindustrie die "offensichtliche Krise" ausriefe – wie schon einmal 1980.

Nach Einschätzung der EG-Kommission sind bis Ende 1995 europaweit mindestens 50 000 Arbeitsplätze gefährdet. Das erinnert in der Tat an die Branchengeschichte in den achtziger Jahren. Damals setzte Brüssel den Markt außer Kraft und nahm den Stahlkochern praktisch die Geschäftspolitik aus der Hand – auch diesmal ein probates Rezept?

Die damalige Krise begann eigentlich schon 1974. Bis dahin waren die Stahlunternehmen in den EG-Ländern zu stattlichen 87 Prozent ausgelastet. Es wurde kräftig investiert – und nicht nur an günstigen Standorten. Doch plötzlich ging’s bergab. Weil in Drittländern die Stahlpreise stärker fielen als in der EG, wurden schon fast zwanzig Prozent weniger Stahl hergestellt, die Importe in Europa schnellten dagegen hoch, die Preise brachen ein, bald lag ein Drittel der Produktionskapazitäten brach. Hans Kutscher, in den Krisenjahren und bis zum Herbst 1991 Berater der Brüsseler Kommission in Sachen Stahl: "Niemand hatte damals den Trendumbruch vorausgesehen, weder die wissenschaftlichen Institute noch die Experten aus der Industrie oder der Gewerkschaften." Und wie oft in einer solchen Situation fanden die gebeutelten Unternehmen Gehör bei ihren Regierungen: Ein regelrechter Subventionswettlauf setzte in Europa ein, obwohl der Artikel 4 des Montanunion-Vertrags das klar verbot.

Bonn hätte dagegen – notfalls mit einer Klage – vorgehen können. Doch es geschah nichts. Dieter Spethmann, von April 1973 an Vorstandschef bei Thyssen, im Rückblick: "Zu einem solchen Schritt mochte sich die Bundesregierung nicht entschließen. Sie hatte sich nämlich mit ihren eigenen Kohlesubventioen die Hände gebunden." Immerhin dämmerte Europas Stahlherstellern, daß sie dabei waren, sich gegenseitig zu ruinieren. So einigten sie sich 1977 mit dem Segen aus Brüssel auf ein freiwilliges Krisenkartell. Höchstmengen und Mindestpreise schienen das einzige Mittel zu sein, um einen ruinösen Wettbewerb abzuwenden. Die Methode war reichlich bürokratisch: Brüssel ermittelte jedes Quartal neue Prognosen für die einzelnen Produktkategorien und verteilte diese nach einem mit der Industrie abgestimmten Schlüssel auf die Produzenten. Die Unternehmen mußten dann ihre echten Produktionszahlen nach Brüssel liefern. Um die europäischen Produzenten vor unerwünschten Importen abzusichern, handelte die Brüsseler Kommission mit bis zu fünfzehn Drittländern Jahr für Jahr Importmengen und -preise aus.

Eine relativ hohe Zahl kleiner Unternehmen machte allerdings von vornherein nicht mit, andere hielten sich nur bedingt an die Spielregeln. Kutscher: "Die Disziplin der Unternehmen ließ in vielen Fällen zu wünschen übrig. Da es im freiwilligen System keine Strafen für Quotenüberschreitungen gab, wurden diese relativ oft überschritten."

Im Juni 1980 brachen dann die Duisburger Klöckner-Werke und Hoesch ganz aus dem Kartell aus, kurz darauf auch der italienische Konzern Italsider. Auf dem Stahlmarkt herrschte, so die Überzeugung des zuständigen EG-Kommissars Etienne Davignon, "eine totale Anarchie, jeder kämpfte mit Schleuderpreisen gegen jeden. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis der erste auf der Strecke geblieben wäre. Die EG-Kommission sah sich deshalb gezwungen, in diesen ruinösen Wettbewerb einzugreifen."