Von Barbara Ritzert

Kürzlich fand bei der Brüsseler EG-Kommission ein Workshop statt, der eine ungewöhnliche und eine übliche Komponente hatte. Ungewöhnlich war, daß ausschließlich Frauen, zumeist Naturwissenschaftlerinnen, teilnahmen: Das EG-Direktorat für Forschung und Technologie wollte die Situation von Frauen in der Forschung beleuchten. Doch, wie üblich, mußten sich die rund zwei Dutzend Wissenschaftlerinnen zunächst die langatmigen Ausführungen zweier höherrangiger Herren anhören. Diese versicherten mehrfach, wie sehr Bedeutung und Belange des weiblichen Geschlechtes der EG-Behörde am Herzen lägen – bis eine Teilnehmerin sich höflich aber bestimmt nach dem Anteil der Frauen in Führungspositionen bei der EG-Kommission erkundigte. Der kecke Einwurf brachte die Beamten in Verlegenheit und die Tagung endlich zum Thema.

Die Redakteure der spanischen Tageszeitung El País haben es ausgerechnet: Wenn die Entwicklung so weitergeht wie bisher, wird es noch rund 475 Jahre dauern, bis Frauen die gleichen Chancen haben wie Männer. In Brüssel wurde deutlich, daß die Frauen andere Zeitvorstellungen haben. Zwar steigt der Frauenanteil an allen europäischen Hochschulen seit Jahren kontinuierlich an – aber die Frauen steigen nicht auf. Ihre Examina sind nicht schlechter als die ihrer männlichen Kollegen, sie brechen auch nicht häufiger ihr Studium ab, aber irgendwo zwischen Promotion und Professur tut sich für Frauen ein Bermudadreieck auf, in dem sie verschwinden. „Es kann daher nicht darum gehen, unbedingt mehr Frauen in das System zu bringen“, lautete die Schlußfolgerung von Harriet Moxham vom Wellcome Trust im britischen Middlesex. Entscheidend sei vielmehr, diejenigen, die im System seien, auch dort zu halten.

Dies gelingt bisher noch nicht: Professorinnen sind nach wie vor die Exoten im männlich dominierten System der Gelehrsamkeit. Eine Art von „Fünf-Prozent-Sperrklausel“, über die der Anteil von C4-Professorinnen in der Bundesrepublik nicht hinauskommt, machte schon vor zwei Jahren die Bochumer Sozialwissenschaftlerin Sigrid Metz-Göckel aus. Zwar wurde bei der Brüsseler Tagung deutlich, daß die Statistiken aus den einzelnen Ländern – wenn es sie denn überhaupt gibt – nur schwer zu vergleichen sind. Aber prinzipiell gilt diese Feststellung für alle EG-Staaten: Auf den unteren Stufen der Hierarchie, etwa bei den wissenschaftlichen Hilfskräften, sind Frauen noch vergleichsweise gut repräsentiert. Hier liegt ihr Anteil – abhängig vom Studienfach – zwischen 25 und 40 Prozent. Aber spätestens nach der Promotion beginnen die Schwierigkeiten: Frauen landen häufiger auf befristeten, rangniedrigeren und schlechter dotierten Positionen als ihre männlichen Kollegen.

Über den akademischen Mittelbau, in dem sie in den meisten Ländern noch mit zwanzig bis dreißig Prozent repräsentiert sind, kommen Frauen nur in Ausnahmefällen hinaus. So lag, wie Mary Osborne vom Göttinger Max-Planck-Institut für Physikalische Chemie berichtete, der Frauenanteil bei den wissenschaftlichen Angestellten an deutschen Universitäten im Jahr 1990 bei rund 25 Prozent. Doch beim Aufstieg in die Professorenkaste bleiben die Frauen auf der Strecke: Seit 1980 sind unverändert nur rund neun Prozent der C2-Professuren, sieben Prozent der C3- und 2,6 Prozent der C4-Professuren mit Frauen besetzt. Besonders schwer haben es Frauen in den Naturwissenschaften und den Ingenieurfächern. Dort sind zwar die Berufsaussichten generell besser als in den Kultur- und Sozialwissenschaften, aber die Hürden sind für Frauen ungleich höher.

Für eine Überraschung in Brüssel sorgten die Vertreterinnen der südeuropäischen Staaten: In den klassischen „Macho-Ländern“ gibt es mit sieben bis acht Prozent deutlich mehr Professorinnen als in Nordeuropa. In der Türkei sind gar zwanzig Prozent der Hochschullehrstellen mit Frauen besetzt. Die ärmeren Länder können es sich offensichtlich nicht erlauben, hochqualifizierte Frauen zurück an den heimischen Herd zu schicken. „Die Nordeuropäer glauben dagegen, sie könnten sich den Brain-Drain durch den Küchenausguß leisten“, höhnte die holländische EG-Forschungspolitikerin Annemarie Goedmakers.

Deutsche Nachwuchsforscherinnen merkten an, daß die Abwehrstrategien der Männer rabiater und irrationaler werden, je mehr sich der Arbeitsmarkt verengt. Während sie früher als feminine aber ungefährliche Dekoration einer Herrenrunde wohlgelitten waren, werden Frauen heute als Konkurrenz oder gar Bedrohung empfunden. Das Imperium schlägt zurück – auch unter die Gürtellinie. Als die Karrierehindernisse für Frauen in der Forschung diskutiert wurden, kamen die Frauen bei der Brüsseler Tagung zum gleichen Ergebnis wie das US-Wissenschaftsmagazin Science vor einem Jahr: „An die Stelle des offenen Sexismus sind subtile Barrieren, Vorurteile und Hindernisse getreten, die Frauen nach wie vor von Spitzenpositionen in der Wissenschaft ausschließen.“