Von Gero von Randow

Klaus Piltz, Vorstandsvorsitzender der Veba AG, eckt bei Freunden und Gegnern der Kernenergie an. Gemeinsam mit dem RWE-Chef Friedhelm Gieske hatte er Ende vergangenen Jahres die deutsche Energiedebatte neu entfacht. Und auf der Wintertagung des Deutschen Atomforums Ende Januar monierte er, daß „die einen die Chancen dieser Technologie verdrängten und bei den anderen die Bereitschaft, sich mit den durchaus kritischen Seiten der Kernenergie auseinanderzusetzen, verkümmerte“. Da gingen viele Augenbrauen in die Höhe.

Erst recht, als er vortrug, die Politik müsse jetzt Anforderungen an zukünftige Kraftwerke stellen. Die könnten „sich sowohl auf die Fortentwicklung bestehender Reaktorlinien erstrecken als auch auf alternative Linien wie die des Hochtemperaturreaktors“. Unruhe im Saal, Verbitterung hinter den Kulissen: „Der will eine andere Kerntechnik“ – und „anders“ heißt offenbar „unerwünscht“.

Gegnern der Kernenergie wie Gerhard Schröder, dem Ministerpräsidenten von Niedersachsen, kann Piltz’ Haltung ebensowenig gefallen. Sie fordern den Ausstieg und überdies, daß sich der Staat nicht mehr an der Entwicklung neuer Atomtechnik beteilige. Indes sprechen einige Gründe dafür, über Kernenergie erneut und ohne Tabus nachzudenken:

  • Der Energiehunger einer explodierenden Weltbevölkerung muß umweltbewußt gestillt werden.
  • Die heutige Kraftwerksgeneration geht zu Ende. Sie wird möglicherweise durch eine neue Technik mit erhöhter Sicherheit abgelöst.
  • Technische Alternativen für den Umgang mit Atommüll lassen es ratsam erscheinen, sich nicht vorschnell für eine Lösung zu entscheiden.
  • Mehrere Länder wenden sich stärker der Kernenergie zu, gleichgültig, ob die Bundesrepublik aussteigen wird oder nicht.

Gewiß, wer einen stark wachsenden Energiebedarf voraussagt, wird von AKW-Gegnern bloß ausgelacht. Genüßlich verweisen sie, etwa die Autoren des lesenswerten Greenpeace-Buches „Die neue Offensive der Atomwirtschaft“, auf die unrühmliche Geschichte der Energieprognosen: Diese mußten noch stets nach unten korrigiert werden. Der globale Energiebedarf, argumentieren die Kritiker, sei vor allem durch die Verschwendung in den reichen Ländern bestimmt und müsse durch Energiesparen eingedämmt werden.

Wer wollte das bestreiten? Doch für die Welt von morgen wird diese Strategie wohl kaum ausreichen. Die eigentliche Bevölkerungsexplosion kommt erst noch (siehe Carl Djerassi in der ZEIT Nr. 44/92, S. 45). Im Jahr 2020 dürften acht, im Jahr 2060 gar zehn Milliarden Menschen die Erde bewohnen, und das sind keineswegs die pessimistischsten Schätzungen. Das Bevölkerungswachstum wird sich auf Entwicklungsländer konzentrieren; sie haben den größten Wachstumsbedarf.