In grauen Zeiten wie den heutigen, um einmal auch an dieser Stelle ins allgemeine Wehklagen einzustimmen, braucht es vielleicht Patrioten, ganz sicher aber Helden. Menschen, die uns ein Vorbild abgeben, also edelmütige Forscher, sensible, doch auch karitativ gestimmte Künstler und selbstlose Politiker. Stille Helden sozusagen: Tue Gutes und sprich nicht drüber.

Die heimlichen Stars sind allerdings, wir geben es ungern zu, Menschen, deren Tun unseren Alltag irritieren, auflockern, kurz: Männer und Frauen, an die wir uns gerne erinnern, selbst wenn sie sich strikt außerhalb des Legalen und Legitimen bewegten.

Neben Talk-Show-Gastsuchern sind es vor allem Touristiker, allzeit auf der Suche nach der letzten Marktnische, die gerne wüßten, wer Charisma genug abgäbe, einer Sendung oder einer Urlaubsreise sozusagen die Krone aufzusetzen.

Eine Frankfurter Reiseagentur ward fündig. Dürften wir wagen, unserer ratlosen, immer dem Guten zugewandten Leserschaft dies zu verschweigen? Nein, nein, nein. Also: „Ronald Biggs läßt bitten...“ ist die Meldung betitelt, die eine hessische, auf das Lateinamerikanische spezialisierte Firma uns zusandte. Womit wir uns in Rio de Janeiro befinden, und zwar nicht, um einen Karnevalskönig zu preisen.

Denn dort wohnt der ewige Posträuber, ihm gilt die Offerte.

Wir erinnern uns: Am 8. August 1963 überfiel Mister Biggs zusammen mit dreizehn Kumpanen den Nachtzug Glasgow-London, um aus dem Waggon der Post Ihrer Majestät dreißig Millionen Mark zu erbeuten. Anfänglich stocherte Scotland Yard fahndungstechnisch erfolglos im britischen Heuhaufen herum, die vierzehn Stecknadeln waren nicht aufzufinden. Denn die Landsleute der Räuber zeigten sich nicht gerade allzu willig, den Häschern zu Hilfe zu eilen.

Am Ende wurden alle gefaßt, auch Biggs. Doch der konnte aus dem Gefängnis fliehen, wohin er nie wieder gehen sollte. Heute lebt er in Brasilien und darf von dort nicht ausgeliefert werden. Mithin: ein Star, weltberühmt und ein Gentleman sowieso.