Es ist die Wirklichkeit, unsere reality, die Gewalt hervortreibt, nicht das Fernsehen. Der Bildschirm ist zwar mehr als ein schlichter Spiegel, er wirkt auf die reality zurück. Wenn aber das Fernsehen als Sündenbock für Verrohungstendenzen in unserer Zivilisation herhalten muß, dann darf man zwischen Wirklichkeit und Abbild ruhig eine strikte Trennungslinie ziehen.

Die derzeitige Debatte um Gewalt unter Jugendlichen, die das Fernsehen für beängstigende Exzesse haftbar machen will, zeigt zum wiederholten Male, wie primitiv der moralische Katastrophenschutz in unserer Gesellschaft funktioniert: Kinder morden Kinder, und das Entsetzen ist zu groß, als daß es sich ertragen ließe. Es muß rasch irgendwo entsorgt werden. Da bietet sich das Fernsehen an, weil es unser aller Sünden, insbesondere unsere Gier nach Sensationen und Ungeheuerlichkeiten, tagtäglich bloßstellt. Aber niemand wird schöner, wenn er den Spiegel verhängt.

Fernsehen kommt immer erst danach. Die Gewalt, die es in Comics, Western, Krimis, Nachrichten und neuerdings im "Reality-TV" anbietet, ist längst da, bevor das Fernsehen sie dokumentiert, inszeniert, ritualisiert und ästhetisiert. Auch der Voyeurismus, auf den Pornos und ähnliche Sendungen spekulieren, ist vorhanden, bevor diese Programme ihn bedienen.

Die Gier des Homo sapiens nach einer Durchbrechung aller Tabu- und Schamschranken sowie der technischen Grenzen, die seinem Wissen um vermutete und wirkliche Geheimnisse im Weg stehen, ist unendlich, und sämtliche Medien wetteifern um den Vorstoß ins Neuland. Aber Schamgefühl und Tabuzonen besitzen ihrerseits Anwälte, die in Gestalt von Gesetzen und von journalistischem Ethos Wache stehen sollten und leider nicht immer entschieden genug auftreten.

Diese Diskussion darf im Hinblick auf "Reality-TV" intensiviert werden – mit der Brutalität auf Schulhöfen hat sie jedoch nichts zu tun. Gewaltsequenzen im Augenzeugen-Video sind naturgemäß weit weniger spektakulär als in einem Spielfilm. Was an "Reality-TV" abstößt, ist nicht, daß echte Unfälle gezeigt werden, sondern, daß Fernsehmacher so tun, als wäre das angeblich bessere Drehbuch, welches das Leben schreibt, auf der Mattscheibe immer noch das Leben – und nicht vielmehr schlechtes Fernsehen. TV-Profis machen eben doch das bessere Programm als das sogenannte Leben, das nur Bezugsfeld und Stofflieferant und nicht selbst Programm sein kann und soll. Dieser kategorische Imperativ des Fernsehens braucht Verteidigung – aber weniger um des Lebens als um des Fernsehens willen.

Dem Nutzer schadet nicht "Reality-TV", sondern ein Leben, das nichts übrigläßt als Glotzen. Kinder, die vor dem Kasten abgeliefert werden und ihn schließlich als besten Freund jeder anderen Gesellschaft vorziehen, leben in Verhältnissen, die auch im Vor-TV-Zeitalter keine Musterknaben aus ihnen gemacht hätten. Die Gründe für wachsende Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen sind vielfältig – Fernsehen handelt von ihnen, es gehört selbst, wenn überhaupt, höchstens am Rande dazu.

Statt Zensur zu fordern, sollten jene, die nach dem Mord von Liverpool schrien: Es muß etwas geschehen!, den Versuch riskieren, ihr Entsetzen eine Weile auszuhalten. Es könnte ihnen dann, im Zustande der Entrückung, dämmern, daß es für die Katastrophe mordender Jugend weder eine einzelne Ursache noch eine Patentlösung gibt und daß die seit Platon immer wieder variierte Fehldiagnose, der Mensch sei nicht imstande, Abbild und Wirklichkeit, TV und reality auseinanderzuhalten, die Intelligenz auch eines Schülers unterschätzt.