Zivilcourage, die altmodische Tugend, hat in einer Gesellschaft, die Schuldzuweisungen als Lebensprinzip praktiziert, keine Chance. Die Mächtigen reden in Konditionalsätzen und bereiten den Rückzug aus der Verantwortung vor. Und dies beileibe nicht nur in der Politik. Wovon die Rede ist? Vom Chemieunfall bei den Farbwerken Hoechst und von Wolfgang Hilger, dem Chef des Unternehmens.

In den frühen Morgenstunden des Rosenmontags wurden die Anwohner des Hoechst-Zweigwerks Griesheim von giftigen Chemiewolken aufgeschreckt. Wenige Stunden später soll sie die Feststellung der Konzernleitung beruhigen, daß durch eine Betriebsstörung zehn Tonnen des „mindergiftigen“ Nitroanisol versehentlich in die Luft geblasen worden sind, weil das Rührwerk in der Fabrikationsanlage nicht rechtzeitig eingeschaltet worden war. Mindergiftig, so läßt Hoechst auf bohrende Fragen nach zwei weiteren Tagen wissen, sei Nitroanisol allerdings nicht. Aus langfristigen Tierversuchen habe sich ergeben, daß die Chemikalie Krebs erzeugen könne.

Das freilich hätten die Hoechster auch schon vorher wissen können. Die Gefährlichkeit dieser Farbvorprodukte ist Fachleuten seit langem bekannt. Sie stehen deshalb auf einer Liste von Verbindungen, die analysiert werden sollten. Seit dem 2. November 1992 lag der Bericht der amerikanischen Nationalen Gesundheitsinstitute den Hoechst-Managern vor. Sie gaben das Gutachten vier Monate später dem Beratergremium für umweltrelevante Altstoffe (BUA) weiter. Vierzehn Tage später gehen die angeblich mindergiftigen Gase in die Luft – und die Manager wiegeln ab.

Mag sein, daß sie mit ihren Beruhigungsparolen nicht einmal unrecht haben, denn die Anwohner müssen kaum befürchten, später wegen dieses Giftes an Krebs zu erkranken. Aber bei dem Unfall ist weitaus mehr zu Schaden gekommen als Autolack und Wäsche auf der Leine. Nicht nur das Vertrauen in den größten Arbeitgeber der Region ist schwer enttäuscht worden, sondern auch die selbstverständliche Erwartung, daß die Industriebosse ihre Verantwortung für Mensch und Umwelt ernst nehmen. Nicht der Chemieunfall von Griesheim ist der eigentliche Skandal, sondern die Art und Weise, wie – ohne jede Zivilcourage – damit und mit der Öffentlichkeit umgegangen wurde. HHB

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