Von Norbert Kostede

Frankfurt

Eine völlig unbekannte Partei griff am Rosenmontag in den Frankfurter Kommunalwahlkampf ein: O-Nitroanisol. Nach einem Unfall in einer Produktionsanlage der Hoechst AG hat diese Chemikalie ein 36 Hektar großes Wohngebiet im Stadtteil Schwanheim verseucht – und die Prognosen über die Wahl am Sonntag erschwert.

Bis dahin schien alles klar: Die Meinungsforscher sagten einen stabilen Vorsprung für die rotgrüne Koalition im Frankfurter Römer voraus – ganz gemäß dem Bundestrend. Hessens Christdemokraten und Liberale hätten, so die Demoskopen, für negative Schlagzeilen der Bundesregierung zu büßen: Autobahnvignette, Ansteigen der Arbeitslosigkeit, Finanzierungschaos beim "Aufbau Ost". Die Frankfurter FDP drohe erneut an der Fünf-Prozent-Hürde zu scheitern. Schönhubers Republikaner wurden auf acht Prozent geschätzt. Ob die Vorhersagen jetzt auch noch gültig sind?

Über Nacht hat das Unglück über Schwanheim in Erinnerung gerufen, daß Kommunalwahlen immer auch lokales und regionales Befinden ausdrücken. In diesem Fall mündet Befindlichkeit zuweilen in Panik. Hunderte von Arbeitern in weißen Schutzanzügen verwandeln das verseuchte Gebiet in eine Mondlandschaft: Erdreich wird abgetragen, Bäume und Sträucher werden abgeholzt, Straßen und Gehwege mit Stahlkugeln abgefräst. Die Kindertagesstätte 83 ist geschlossen. "Ich kann meine beiden Kinder doch nicht die ganze Zeit in der Wohnung einsperren", klagt eine Mutter aus der Schwanheimer Henriette-Fürth-Straße. "Tagelang wußte niemand, wie gefährlich das Zeug ist – jetzt heißt es, wir sollen die Gegend für eine Weile verlassen."

Ist ihre Angst berechtigt, oder wird sie zu Wahlkampfzwecken geschürt? Der FDP-Vorsitzende Otto Graf Lambsdorff wirft dem hessischen Umweltminister Joschka Fischer vor, in seiner Aufsichtspflicht versagt zu haben. Petra Roth, die Spitzenkandidatin der Frankfurter CDU, bleibt sachlich: "Parteipolitische Vorwürfe sind fehl am Platz. Wenn irgend etwas zu kritisieren ist, dann die Informationspolitik der Hoechst AG."

Eine Woche nach dem Unfall forderte der Kieler Toxikologe Otmar Wassermann eine Evakuierung der Kinder aus den betroffenen Stadtteilen. Die Mehrheit in der von Umweltminister Fischer zusammengerufenen Expertenrunde hingegen warnt vor "Überdramatisierung": Keine akute Gefahr, die Kinder können bleiben. Bei steigenden Temperaturen allerdings, wenn das Gift ausdünste, sollten sich die Behörden weitere Maßnahmen vorbehalten.