Von Hajo Steinert

Der Klappentext informiert: ",Das Muster‘ ist ein bedeutender und zugleich ungemein lesbarer Familienroman." Eine pure Untertreibung, zumindest was das letzte Wort betrifft. Dieter Fortes Romandebüt ist Familiensaga, Heldenepos, Ahnengalerie, Historiengemälde und Berufskunde in einem Zeitspanne der Handlung: vom Mittelalter bis zur Neuzeit. Ort des Geschehens: Europa, mit besonderem Schwerpunkt auf Düsseldorf-Oberbilk. Also auch ein Heimatroman.

Die Eckdaten bilden die Jahre 1133 n. Chr. und 1933. Im Jahre 1133 wurde Kaiser Friedrich II. ein Krönungsmantel aus scharlachroter Atlasseide umgehängt. Was 1933 passierte, weiß jeder. Zwischendurch gab es das Basler Konzil, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, die Französische Revolution, den Ersten Weltkrieg, die Gründung der Rheinischen Republik und so manches mehr.

Auch ästhetisch ist das Werk ungemein weit gespannt. Angefeuert von Matthias Claudius, Gustav Freytag und Willi Bredel, bewegt es sich zwischen einem urwüchsigen Ochsenkarrenrealismus und feuriger Ruhrpottromantik. Am finstersten geht es freilich im Mittelalter zu. Dieter Forte schwelgt in apokalyptischen Genrebildern. Man erinnert sich: Er ist der Autor des skandalbewährten Bühnenstücks "Martin Luther & Thomas Münzer oder Die Einführung der Buchhaltung" (1970).

In den Kapiteln mit den ungeraden Zahlen wird die Jahrtausendchronik der Familie Fontana abgespult. Von Lucca nach Florenz zogen sie, von Lyon nach Basel, von Iserlohn nach Düsseldorf. Es verschlug sie immer dorthin, wo das Geschäft mit der Seide winkte.

Fachkundig werden wir in die Welt der Webstühle, Kettbäume, Seidenzwirnmühlen und Tretschnüre eingeführt. Wir lernen, daß das Geschäft mit der edlen Ware stets auch höheren politischen Zielen untergeordnet war: "Die Seide schuf Toleranz, Angehörige vieler Nationen und aller Glaubensrichtungen zu beherbergen." Im schnöden Zeitalter der Kunstfaser indessen sind die Fontanas längst aus dem Seidengeschäft ausgestiegen. Friedrich in Oberbilk, der bis dato letzte Sproß der Fontanas, verkauft gebrannte Mandeln auf der Kirmes und Gänse auf dem Markt. Ein "Draufgänger und Schlitzohr", ein Schelm in allen Lebenslagen: Selbst die SA weiß er für seine Belange zu nutzen.

In den Kapiteln mit den geraden Zahlen erzählt Forte die wechselvolle Geschichte der polnischen Bergmannsfamilie Lukacz. Ganz gleich, in welchem Jahrhundert, immer hören die Naturburschen auf den Namen Joseph, und ihre tapferen Frauen heißen stets Maria. Mit Karren und Kutschen ziehen sie von Bergwerk zu Bergwerk, bis endlich Maria die Ichweiß-nicht-Wievielte in Oberbilk ankommt und den wilden Friedrich ehelicht.