Von Dieter Buhl

Über fünf Jahre liegt die Barschel-Affäre zurück – das schlimmste politische Bubenstück der westdeutschen Nachkriegsgeschichte. Aber noch immer will die Sache nicht zur Ruhe kommen. Just in der Woche, in der einer der damaligen Täter vor Gericht erscheinen muß, geraten nun auch noch die Opfer in ein schiefes Licht. Gewiß, die Proportionen müssen gewahrt bleiben: Barschel war auf seine Weise nicht zu übertreffen. Jetzt aber stellt sich die Frage: Haben nicht auch einige Sozialdemokraten mit dessen zwiegesichtigem Handlanger Pfeiffer ein eigenes Spiel getrieben? Wenn sich diese Frage nicht bald klipp und klar verneinen läßt, könnte am Ende auch der Ruf Björn Engholms Schaden nehmen – jenes Mannes also, der vor allem wegen Barschels und Pfeiffers Machenschaften die Macht in Kiel gewann.

Die absonderlichen Samaritertaten des schleswig-holsteinischen Sozialministers setzen nicht bloß neue Maßstäbe für Fürsorge, sie übersteigen auch die Phantasie des Publikums. Was der Wohltäter Günther Jansen jetzt unter dem Druck einer bevorstehenden Veröffentlichung im stern berichtete, eröffnet ein neues Kapitel in jenem haarsträubenden Barschel-Skandal. Die milden Gaben des SPD-Politikers in Höhe von mindestens 40 000 Mark an den Drahtzieher und Enthüller der perfiden Kampagne aus Barschels Staatskanzlei, Reiner Pfeiffer, wirken nicht nur absurd. Sie wecken außerdem einen schlimmen Verdacht. Er entspringt zumal den konspirativen Umständen der Spendenaktion: Jansens Abgesandter, ein Mitarbeiter zudem aus Engholms Staatskanzlei, übergab das Geld 1989 und 1990 an Autobahnraststätten in kleinen Scheinen und ohne den Spender zu nennen. Warum wurde dabei so auffallend gegen die Grundregel der Großzügigkeit verstoßen: Tue Gutes und rede darüber? Jansens Erklärungen mögen seinem Ruf als besonders mitfühlendem Menschen entsprechen. Aber entspricht es auch der Wahrheit, daß er dem arbeitslosen und verfemten Pfeiffer aus purem Mitleid so kräftig unter die Arme gegriffen hat?

Zweifel bestehen vor allem deshalb, weil der Sozialdemokrat bereits Jahre zuvor konspirative Kontakte mit dem Mann hatte, der seiner Partei und ihrem Spitzenkandidaten Engholm in Barschels Auftrag in so infamer Weise schaden wollte. Denn Jansen hatte sich schon im geheimen mit Pfeiffer getroffen, bevor der im Herbst 1987 den Verleumdungsfeldzug der Barschel-Kumpanei an die Öffentlichkeit brachte – und selber über sein Wissen geschwiegen.

Die Motive des Sozialministers erscheinen als zu gut, um wahr zu sein. Er befindet sich im Erklärungsnotstand, und es wird höchste Zeit, die drängendsten Fragen zu beantworten: Warum schlug Jansens blutendes Herz ausgerechnet für Pfeiffer, wo es doch in Schleswig-Holstein gewiß Tausende von Bedürftigen gibt, die Zuwendungen dringender benötigen? Warum verlief die Geldübergabe hinter einem Schleier der Geheimhaltung? Kann der Gönner belegen, daß er die Spenden aus eigener Tasche bezahlte? Weshalb ließ er seinen Ministerpräsidenten so lange über die Transaktion im dunkeln?

Aufklärung ist überfällig. Solange Jansen sie nicht gibt, haftet ihm der Geruch an, Barscheis Handlanger einen verspäteten Lohn für Enthüllungen gezahlt zu haben, die der schleswig-holsteinischen SPD und ihrem damaligen Kandidaten erst einen großen Mitleidsbonus und anschließend den Wahlsieg bescherten. Am Parteivorsitzenden und Kanzlerkandidaten der Sozialdemokratie liegt es jetzt, für absolute Klarheit zu sorgen. Es reicht nicht, "stinksauer" über die Affäre zu sein. Björn Engholm muß sie auch blitzsauber überstehen, wenn er Schaden von der SPD und neue Schmach für die Politik abwenden will.