Von Dorothea Dieckmann

Wie ich unter die Mütter fiel?

Ein Rundruf – gefürchtetes Instrument der Mütterinfrastruktur, das darin besteht, daß man anrufen muß, weil man angerufen wird – erreichte mich und lud mich, mein dreimonatiges Kind, ein bißchen "gute Laune" und einige Kekse zu einer Versammlung ein. Ich erschien zur verabredeten Zeit mit dem Kind, keinen Keksen, durchaus aber in guter Laune in einer dieser kleinen Landwohnungen, die "unser Haus" genannt werden, weil drumrum ein ehemaliger Stall seine Großräumigkeit verbreitet.

Der Raum war drapiert mit Stoffen aller Art, Decken, Schlafsäcken, Kissen, weißen und gefärbten Windeltüchern; mit zweiköpfigen symbiotischen Wesen, eins groß, eins klein, und mit hochstimmigen, unartikulierten Lauten. Nach geraumer Zeit wandten mir einige der Doppelwesen den größeren Kopf zu, um ihn sogleich wieder mit dem kleineren zusammenzustecken. Ich begriff: Um erkennbar zu werden, hatte ich mich eine Etage tiefer, auf die horizontale Ebene also, zu begeben. Ich widerstand meinem schlagartig einsetzenden Kaffeedurst, zumal ein Blick auf den Küchentisch mich darüber belehrte, daß dieser Haushalt garantiert koffeinfrei und ich ohnehin zu spät gekommen war – Saftflaschen, Kekskrümel und rote Früchteteepfützen in Tontassen zeugten von dem schon überstandenen kaffeelosen Vergnügen. Ich legte mein Kind auf den Boden und versuchte, ebenfalls eine bequeme Stellung einzunehmen, ohne mich gleich platt auf dem Boden auszustrecken.

Mit promptem Erfolg: wenig später fand ich mich in einem Dickicht sogenannter Stillgespräche wieder. Intime Geständnisse wie "Er kommt jede Stunde" oder abenteuerliche Berichte aus der Jagd- und Forstsphäre ("Das Anlegen ist für mich das Schönste, aber es ist am Anfang gar nicht so einfach") streiften mein Ohr, während allenthalben Brüste ausgepackt wurden. Die Stimmung war friedlich, abgesehen von einigen wenigen Unmutsäußerungen, die den an die Versorgungskörper angeschlossenen Babyköpfen gurgelnd entfuhren, Äußerungen übersättigten Verdrusses. Eine geschäftige Idylle: gemeinsames Rollen auf dem Fußboden, In-die-Hocke-Gehen des ausgewachsenen Symbioseteils, öffnen der Höschen und Windeln, vergnügtes Strampeln und Wasserlassen des kleinen frischgeborenen Teils, Auf- und Zuknöpfen der Still-BHs, säuerlicher Geruch aufgestoßener Milchlachen, süßlicher Geruch der orangegrünen verdauten Milch, heiterer Singsang im Duett der beidseitigen Babylaute.

Je länger ich mich in dem von Zwittern bewohnten Dschungel aufhielt, desto schlechter wurde mein Gewissen ob der Tatsache, daß nicht auch ich meine ohnehin wenig molkereiähnliche Brust dem liebebedürftigen Kind aufdrängte, auch wenn dieses – selbst innerhalb dieser anspruchsvollen Umgebung – Gelassenheit bewahrte. Um der Nachfrage über die Häufigkeit, mit der "es kommt", zu entgehen, nahm ich Zuflucht im Klo. Der endgültige Schlag erwartete mich jedoch an der Verbindungstür zum kindgerecht ausstaffierten Bad: RAUCHER STINKEN hieß es dort rügend auf einer kunsthandwerklich ausgestalteten Tafel.

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