Während die Nachrichten über die Konjunktur in Deutschland immer bedrohlicher klingen, geht es am Aktienmarkt kräftig aufwärts. Wenn die Bundesbank wie erwartet die Leitzinsen weiter senkt, wenn auch in Tippelschritten, wird dies immer wieder für neue Phantasie sorgen.

Doch sinkende Zinsen allein rechtfertigen keinen dauerhaften Kursaufschwung am Aktienmarkt. Dazu muß auch die Aussicht auf wieder steigende Gewinne kommen. Doch mit höheren Erträgen kann frühestens 1994 wieder gerechnet werden. Dies aber auch nur, wenn sich in der zweiten Jahreshälfte 1993 Licht am Ende des Konjunkturtunnels zeigt.

Bevorzugte Papiere waren in den letzten Tagen Bank- und Versicherungsaktien. Gekauft wurden vor allem die Papiere der Deutschen Bank, weil Vorstandssprecher Hilmar Kopper angekündigt hat, daß der Gewinn des vergangenen Jahres den von 1991 übertroffen hat. Ende Oktober hatte es noch nicht danach ausgesehen. Auch der Kurs der Volksfürsorge-Aktien, der sich von seinem Tiefpunkt im vergangenen Jahr bis heute um etwa 58 Prozent verbessert hat, profitiert nicht allein von den gesunkenen Zinsen. Vielmehr entwickelt sich die Aktie immer mehr zu einem Papier, das mit normalen Maßstäben gemessen werden kann. Die Sünden bei der Plazierung im Jahre 1991, als das Papier zu 800 Mark (heute rund 600 Mark) auf den Markt gebracht wurde, geraten mehr und mehr in Vergessenheit.

Heftig diskutiert wird weiterhin über die Zukunft des VW-Kurses. Meldungen über einen angeblichen Milliardenverlust im ersten Quartal hatten das Papier unter Druck versetzt. Die meisten Analysten gehen für dieses Jahr von einem Verlust aus. Um so überraschter waren die Börsianer, als sie vom Vorstand hörten, das Volkswagenwerk werde 1993 mit schwarzen Zahlen abschließen. Diese Aussicht erhöhte das Interesse an VW-Aktien.

Großchemiepapiere litten zeitweise unter dem Chemieunfall in Frankfurt-Griesheim. Die Börsianer befürchten, daß er zum Anlaß genommen wird, weitere kostspielige Umweltschutzauflagen zu fordern. Gegenüber der Hoechst-Aktie hielt die Zurückhaltung der Anleger begreiflicherweise am längsten an. Gestützt werden die Kurse der Großchemiewerke andererseits durch die nach wie vor beachtlichen Ausschüttungsrenditen trotz zu erwartender Dividendenkürzung. K. W.