Von Marc Fest

Auf den Nordfriesischen Inseln wehen Deutschlands stärkste Winde – und oft scheint dort auch dann noch die Sonne, wenn es sich auf dem Festland gräulich bewölkt. Am Horizont Föhrs sind – wie allererste Milchzähne – die Halligen auszumachen. Vor der Wyker Strandpromenade steuert ein Drachenflieger sein Fluggerät mit sachtem Bogen auf den Sand hinab und beendet seinen Ausflug. Föhr außerhalb der Saison – ein Idyll?

Vor knapp fünf Jahren schien es mit der insularen Beschaulichkeit ein Ende zu haben. 1988 war es, als die Robben in der Nordsee infolge einer Algenpest, die das Immunsystem der knopfäugigen Tiere schwächte, starben. Auch die Insel Föhr bekam die – wirtschaftlichen – Folgen des Öko-Kollapses zu spüren. Denn die zotteligen Kadaver machten den Friesenstrand zu einem Friedhof der Kuscheltiere: welch Horror für Kinder, welcher Alptraum erst recht für den Wyker Kurdirektor.

Inzwischen kann bilanziert werden: Der große Einbruch fand nicht statt, im Gegenteil! Das Geschäft mit den Urlaubern brummt. 1991, der Golfkrieg hielt viele Ferntouristen im Lande, klingelten die Kassen: Um 28 Prozent stiegen die Übernachtungszahlen. Tourismusfachleute beschwören inzwischen das „Vierte Goldene Zeitalter“ auf Föhr – nachdem Salzsiederei, Walfang und Rinderzucht in vergangenen Jahrhunderten schon einmal für relativen Wohlstand gesorgt hatten.

Paradox: Die sterbenden Robben haben dem Föhrer Fremdenverkehr neues Leben eingehaucht: Das Umwelttrauma habe nämlich „zu einem rigorosen Umdenken geführt“, erzählt Wyks sozialdemokratischer Bürgermeister Heinz-Georg Roth. 1988 wechselte der Vierzigjährige vom Ruhrgebiet ins Friesenland, zuvor war er Amtsvorsteher in Hamm. Dank eines neuen, „ganzheitlichen Ansatzes“ kurven nun im Sommer Inselbusse, rapsölbetrieben wohlgemerkt und mit Fahrradanhängern ausgestattet, kreuz und quer über die sanftwellige Geest und die flache Marsch – wer Gegenwind auf Fahrradtouren nicht mag, läßt sich nunmehr per Bus zum westlich gelegenen Utersum chauffieren, wo die Föhrer auf einem dicken Findling des passionierten Föhrurlaubers Hans Rosenthal gedenken.

Von hier, wo der ewige Westwind die strandnahen Baumkronen zu Gebilden formt, die wie haarspraygestylte Punkfrisuren aussehen, folgt der Radler den ostwärts weisenden Ästen und erkundet die 82 Quadratkilometer große Insel mit ihren elf Bilderbuchdörfern, die fast alle auf der sturmflutsicheren Höhengrenze zwischen Marsch und Geest liegen. Dort findet der Besucher Friesenhäuser mit ihren Reetdächern (die, um im Bild zu bleiben, wiederum an windresistente, akkurate Kurzhaarschnitte erinnern).

Der ansonsten einen behäbigen Eindruck machende Bürgermeister Roth kommt ins Schwärmen, wenn er von den ökologischen Veränderungen auf „seiner“ Insel erzählt. Das alles sei mehr als nur „grüne Kosmetik“, nämlich ein „echter Paradigmenwechsel“: In den Einzelhandelsgeschäften verkünden Plakate den „Föhrer Dosenschwur“, der alle Einwegdosen von der Insel verbannt. Auch anderes „Einwegszeugs“ hat auf Föhr nichts mehr zu suchen. Auf den Fisch- und Jahrmärkten übernimmt ein „Geschirrmobil“, seinerzeit bundesweit das erste, den Abwasch der verschmutzten Porzellanteller und Metallbestecke. Und wenn demnächst die vierte Reinigungsstufe in der Wyker Kläranlage auch noch allen Stickstoff, einen Mitverursacher des Algenwachstums, aus den Abwassern entfernt, dann ist Föhr in puncto Abwässer für die Nordsee unbedenklich – eine Insel der ökologisch Seligen?