Die Schriftstellerin Elisabeth Alexander, die vor kurzem siebzig Jahre alt geworden ist, arbeitet (auch) als literarische Pamphletistin. "Was hatte Henriette schon davon, wenn sie nur fein säuberliche Versöhnungsgedanken austüftelte. Die brachten keine Fortschritte in ihr revoltierendes Gemüt. Die waren ihr eher noch ein Zwangsjackenersatz." Henriettes Zwangsjacke ist verinnerlicht, ein Strom von Rachegedanken und Erinnerungen an Schmähungen und männliche Ignoranz. In ihrem neuen Roman "Bauchschuß" (Verlag éditions trèves, Trier 1992; 141 S., 32, DM) rollt Elisabeth Alexander den intimsten Fall des Geschlechterkampfes, den der seelischen Grausamkeit, noch einmal auf. Das Opfer ist in der Einzahl und weiblich, der Täter in der Mehrzahl und heißt Friedrich oder Günter. In seinen besten Passagen gerät der Roman nicht nur thematisch in die Nähe der Prosa Marie-Luise Fleißers, sondern auch sprachlich. Wenn es Elisabeth Alexander gelingt, Sätze so fatal und plötzlich zu beenden, als fiele eine Tür ins Schloß. In schwächeren Passagen läßt sie die Tür einen Spalt offen und ruft dem Leser Überdeutlichkeiten hinterher – temperamentvoll allerdings auch diese, streitbar und empfindlich für die implosiven Beschädigungen, das Irrewerden einer Frau an subtiler männlicher Macht. Die weibliche Phantasie, sich am Körper des Mannes zu rächen, da seine Seele unverwundbar scheint, und ihn mit einem "Bauchschuß" ein für alle Mal zu entsetzen (nicht zu erledigen), verdankt sich einer pathogenen Verzerrung. Die Phantasie ist Henriettes Rettung, ihr "Irrenhaus". Darin ist alles möglich. Selbst ein Mord ohne Todesopfer – ein weiblicher Rachefeldzug der Phantasie, der auch in der Epoche der Quotenregelung und anderer Friedensbemühungen nicht abzureißen scheint. Die weibliche Wirklichkeit ist vergleichsweise profan: "Sie wußte genau, daß sie weder eine echte Pistole, noch einen echten Revolver in der Hand gehabt hatte. Der Unterschied dieser beiden Waffen war ihr ohnehin ein Rätsel geblieben." Ursula März