Sat 1, montags: "Vater braucht eine Frau"

Wenn Sex-and-Crime-Sender wie Satl Kreide fressen, produzieren sie Familienserien. Und die sind dann danach: harmlos, hirnlos, fehlerfrei, das konzentrierte gute Gewissen. Man fragt sich wirklich, wo all der Sex and Crime herkommt, wenn es in Familien so puppenlustig zugeht wie in derartigen Alibiserien.

Bis zu einem gewissen Grad ist’s der Fluch des Genres, der Werke wie "Vater braucht eine Frau" zu dieser elenden Munterkeit verdammt. Ferner soll so ein Programm unter Knirpsen, Omas und Haustieren nach Quoten fischen, und diese letzten Mohikaner des Stamms Familie gelten als besonders dankbar für süßliche Portraitierungen.

Dennoch: Die Trappfamilien-Stimmung kinderfreundlicher Treuherzigkeit, in der das Verlangen nach dem Weibe allein von der unaufgeräumten Küche herausgeschrien werden darf, ist ein mediales Artefakt, sprich ein Klischee, dessen Wirklichkeitsprozente immer wieder neu getestet werden müssen. Ein Genre und seine Typen zu entwerfen, das kann Kunst sein. Alles, was danach kommt, muß sich mit dem Klischee anlegen; oder es wird von ihm verschluckt.

Der Witwer, der in Satl eine Frau braucht und sie mit Hilfe seiner Mama, seiner Rangen und seines Katers Winnetou auch bald heimführen wird, ist Schuldirektor im idyllischen Mölln – ausgerechnet. Natürlich konnte der Sender, als er im letzten Sommer die Serie drehte, nicht ahnen, daß die schleswig-holsteinische Kleinstadt wegen ausländerfeindlicher Übergriffe mit Todesfolge in die Schlagzeilen geraten würde. Aber dieser peinliche Zufall kommt gerade recht, um dem Idyll die fehlenden Wirklichkeitsprozente sozusagen von außen reinzudrücken. Dem Namen Mölln haftet fürs erste ein Stigma an, das noch soviel Fachwerkhäuschen, Gartenlauben und Kinderzeichnungen nicht beseitigen werden; die harmlose Serie trägt unverschuldet einen Makel mit, der ihren Dienst am Klischee hohnlächelnd bloßstellt. Manchmal fügt es sich halt. Vielleicht hat auch Erzschelm Till Eulenspiegel, in Mölln begraben, dran gedreht.

Handwerklich ist "Vater braucht..." sauber hingelegt. Die Schauspieler stammen aus der Spitzenliga, auch die Kinder bieten reife Leistungen, und die Gassen und Winkel des Städtchens, der See und das Grün, geben das Ihre hinzu. Doch die formale Fertigkeit und Glätte verstärken ihn nur, den Eindruck: Hier wird mal ordentlich was dafür getan und mächtig aufgetrumpft, damit Sat 1 sein Sex-and-Crime-Image los wird.

Im Grunde darf es uns Endverbrauchern ja egal sein, warum ein Fernsehanbieter ein jugendfreies Programm sendet – Hauptsache, das Produkt kann sich sehen lassen. Aber es ist eben doch nicht egal. Seine Zielgruppenkalkulation umweht eine Fernsehserie in verräterischen Schwaden – so wie Körpergeruch einen Schwerarbeiter. Da müßten die Macher schon wahre Genies sein, um das Kalkül-Aroma vergessen zu machen.