Von Christiane Peitz

Zuerst die Pillen oder die Tropfen? Das mit der Reihenfolge bei ihrer Medizin geht der Alten nicht in den Kopf. Die Cousine empfiehlt ihr, von links nach rechts vorzugehen, schön der Reihe nach. Aber die Alte sieht nur das Sammelsurium von Fläschchen, Dosen und Schachteln und kann es nicht sortieren.

Ein Schloß, irgendwo auf dem Land in Frankreich. Hier lebt die Gräfin Marie-Agnes mit ihrer Cousine Solange: zwei kapriziöse alte Damen von gemächlicher Anmut. Marie-Agnes schießt im Rollstuhl auf Tontauben, Solange erlegt mit der Armbrust den Karpfen im Schloßteich. Sie radelt ins Dorf, kauft Lauch auf dem Markt, spielt Posaune im Gemeinde-Blasorchester, flippert in der Bar, hört im Walkman Klassik und die neuesten Nachrichten von Bombenattentaten und Sprengstoffanschlägen. Gerne genehmigen sich die Alten einen Schnaps in der Küche. Der Brokat ist brüchig, das Interieur abgegriffen, das Grammophon kratzt. Die Salons liegen im Halbdunkel, und wenn der Wind weht, heben sich leichte Staubwolken von den Möbeln.

Manchmal träumt Marie-Agnes von früher, von stattlichen Offizieren, die Billard spielen und sich im russischen Winter duellieren, um die Ehre oder um eine Frau. Eine Welt, im Schwinden begriffen. "Jagd auf Schmetterlinge" kramt die vergänglichen Reste zusammen, wirft einen letzten flüchtigen Blick. Kein Requiem mit Pauken und Trompeten, sondern ein Abgesang mit schlecht geblasener Tuba und den Trömmelchen der Hare-Krishna-Jünger, die im Schloßpark lagern.

Auch Otar Iosseliani schert sich nicht um die Reihenfolge. Er schafft keine Ordnung, hält nicht fest, sondern läßt sie ziehen, die letzten Überlebenden der alten Welt. Iosseliani, selbst ein Mann aus der georgischen Oberschicht, tritt auf als der Offizier, der Marie-Agnes beim Betrachten vergilbter Photos heimsucht, ein Geist vergangener Zeiten, der der Alten seine Zigarette hinterläßt, an der sie noch einmal zieht, bevor sie verstirbt.

Persönlich ist der Filmemacher im französischen Exil Monarchist. Gorbatschow, sagt er in Interviews, sei schlimmer gewesen als Stalin. "Jagd auf Schmetterlinge" illustriert, zumindest unterschwellig, die Ansichten eines Reaktionärs, der sich über die Neureichen mokiert, über den "wilden" Kapitalismus der kaufwütigen Japaner und der Moskauer Nichte, die Marie-Agnès’ Erbe in Paris verpraßt, über den Sauberkeitswahn des Notars im Schloß nebenan und über dessen dunkelhäutige Schwiegertochter, die die Ahnengalerie mit dem Frühstücksei beschmiert und bei Marie-Agnès’ Beerdigung die Silberlöffel klaut. Iosseliani macht die Jungen, ihren schlechten Geschmack und die Demokratie verantwortlich für den Verfall der Kultur. Seine Darstellerinnen sind Laien aus dem verarmten Adel: "Damen", sagt der Regisseur, "die es gewohnt sind, einem Diener die Beine entgegenzustrecken, damit dieser ihnen die Stiefel schnüre. Diesen Gestus kann man nicht erwerben."

Der Logik eines politischen Denkens folgen die Bilder allerdings nicht. "Jagd auf Schmetterlinge" ist einer der seltenen Filme, die die Überzeugung ihres Regisseurs Lügen strafen. Die Bilder bersten von Geschichten, und die kennen kein Klassenbewußtsein. Die Geschichte vom Pfarrer, der schnapstrinkend in die Soutane steigt. Die Dienstmagd, die an den Reichtümern der Herrschaft nippt und den Oldtimer repariert. Die Ankunft des Maharadschas auf dem Dorfbahnhof. Eine Schmetterlingsjagd findet nicht statt; wenn der Filmtitel überhaupt einen Sinn ergibt, dann den, daß die Geschichten, leichter als Wind, über die Leinwand flattern und alle durchs Netz gehen. Keine wird aufgespießt.