Die Jury von ZEIT und Radio Bremen stellt LUCHS 78 vor

Dies ist die Geschichte vom elfjährigen Sumchi in Jerusalem 1947, ein Jahr vor Gründung des Staates Israel. Nein, so wird es nichts. Es ist die Geschichte von Sumchi und seiner Freundin Esthi, eine scheue, kleine Liebesgeschichte. Stimmt das? Ist es nicht eher die Geschichte vom Ende einer Liebe? Und ist es nicht ebensogut die Geschichte von Sumchi und seinem Hallodri von Onkel Jozmech, womit im Jiddischen ein Mensch gemeint ist, dem im Leben vieles schiefgeht?

Es darf doch nicht wahr sein, daß eine kleine Erzählung von gerade mal neunzig Seiten nicht in einem Sätzchen angedeutet werden kann. Doch. Die Sache ist, bei aller Einfachheit, schwierig; Denn wie soll man vom Leben reden, wie vom Leben in seiner Fülle zwischen Glück und Schmerz erzählen?

Amos Oz, der 1939 in Jerusalem geborene Erzähler, hat die Schwierigkeit gespürt, als er 1977 diese „wahre Geschichte von Liebe und Abenteuer“ schrieb – und sich mit einem Trick geholfen: Die Geschichte fängt, wie das große Leben, gar nicht an – und sie hört auch nicht auf, so wenig wie der immer weiter fließende Lebensstrom. Amos Oz beginnt also nicht, wie jeder anständige Erzähler, mit Kapitel 1, sondern mit einer kurzen „Einleitung“. Er hört auch nicht mit dem letzten Kapitel – dem siebten – auf, sondern schickt ein knappes Schlußwort hinterher. Das Leben, das lange vor der Geschichte begonnen hat, geht auch nach dieser Erzählung weiter, mal heiter, mal traurig.

Dies ist die wahre Botschaft der Erzählung – und ihr banger Trost ist Kindern im Alter von Sumchi und Esther, also mit zehn oder elf, verständlich, und alten Kindern, die das Ende des eigenen kleinen Lebens nahen sehen, ebenso.

Wie es sich für einen unaufdringlichen Lehrmeister als Erzähler schickt, zwinkert Amos Oz dem Leser in Vor- und Nach-Spruch zu und beteuert, man könne die paar Seiten ruhig auch „überspringen“, obwohl sie von „ein paar Dingen handeln, die ich für nicht ganz uninteressant halte“. Wovon ist vor aller Geschichte zu lesen? Von dem, was auch Kinder schon, nicht ohne Trauer, erfahren: „Alles wechselt... Es wechselt eben einfach alles.“ Und so endet die Geschichte: mit der Erinnerung daran, daß sich „alles ändert und nichts so bleibt, wie es ist“ – aber auch mit der Zuversicht, „daß andere Dinge geschehen“.

Und was sehen wir in der Mitte der „wahren Geschichte“? Da sitzt Sumchi, der eben alles verloren hat, was sein kleiner Kinderbesitz war, im Hof eines alten Gotteshauses – „mit leeren Händen. So ist das Leben.“ Und jetzt macht das Kind in diesem Buch der Einführung ins Leben die erste Erfahrung als Erwachsener, das Erlebnis der Einsamkeit, auch Verlassenheit: „Niemand interessierte sich dafür, was mit mir passieren würde, jetzt und an allen Tagen meines Lebens, und mir wiederum war es egal, was mit den anderen passieren würde.“