Wer ist kreativ? Die Musiker des „ersten improvisierenden Streichorchesters“, die nicht mehr brav hinter Notenpulten sitzen und fiedeln, sondern in einem Veitstanz über die Bühne wirbeln? Die buntgeschmückte Musikerin und Performerin Dorle Ferber, die mit Geigenjazz und dadaistischen Klangspielen „liebeskümmerliche Abgründe“ auftut? Oder der Gambier Buba Jammeh, der nur mit seinem Mund und den Händen, die auf seine Lippen trommeln, unglaublich komplexe Rhythmen schnalzt und schnippt und das jauchzende Publikum geschickt in seinen Auftritt einbezieht?

Zwei Tage lang wurden in der Frankfurter Kunsthalle Schirn zwanzig Gruppen, Solisten und Ensembles geprüft und für schöpferisch empfunden: kreativ, kreativer, am kreativsten. Der Verband deutscher Musikschulen hatte den Wettbewerb „Musik kreativ“ initiiert und ihn sich von einer Versicherung sponsern lassen. Am Ende mußten die sieben Juroren einen goldenen, einen silbernen und einen bronzenen „Amadeus“ verleihen – und Preisgelder in Höhe von sage und schreibe 100 000 Mark verteilen. Eine undankbare Aufgabe, denn schließlich kann man Kreativität nicht messen, sondern allenfalls ahnen. Muß eine solche Musik als Komposition absolut neuartig sein oder nur originell, wirklich grenzüberschreitend oder einfach nur intelligent-unterhaltend? Einer der Kreativitätsrichter, Reinhart von Gutzeit, Vorsitzender des Verbandes deutscher Musikschulen, hat bei der Preisverleihung mit gewichtiger Miene zugegeben, daß die Entscheidungen der Jury subjektiv seien – was nicht nur bei den Musikern, sondern auch im Publikum belächelt wurde.

Trotz dieser Einwände gegen den schwammigen Kreativtitel kann man die Wertungen der Jury fast überall nachvollziehen. Unumstrittener Sieger wurde der Pianist Erwin Stäche aus Leipzig. Er spielt nicht nur auf einem Klavier, das er so demontierte, daß man die Hämmer auf die Saiten schlagen sieht, sondern auch auf allerlei kauzigen elektronischen Uraltgeräten. Da sieht man Röhren und Drähte, Tonbandspulen mit Handkurbel und einen Schaltknüppel, der aussieht, als sei er aus einem Lkw ausgebaut. Erwin Stäche spielt virtuose Läufe auf seinem Klavier und hantiert wie ein Rumpelstilzchen gleichzeitig mit Schaltern und Hebeln, Knöpfen und Rädern. Ein ferngesteuerter Lautsprecher in einer schwarzen Kiste fährt scheppernd durch den Raum, es trompetet und quiekt, röhrt und grunzt. Ein skurriler Tüftler mit einer handwerklich-improvisierenden Phantasie, wie sie nur in der Ex-DDR entstehen konnte. Den „Goldenen Amadeus“ konnte er allerdings nicht entgegennehmen, denn er war schon abgereist, um noch am gleichen Tag in München ein Konzert zu geben.

Verblüffend auch der Beitrag von Johannes Brunner: Drei Männer mit bloßem Oberkörper stehen auf einem Gerüst und halten sich an einer Stange über ihren Köpfen fest, als wollten sie Klimmzüge machen. Johannes Brunner tritt auf und schlägt mit seinen Fäusten auf die Männerbrüste. Gesummte und gesungene Töne werden durch dieses Trommeln brutal verzerrt, ein gewalttätiges Staccato mit markerschütternden Lauten – ein bronzener „Amadeus“.

Was wäre ein Wettbewerb ohne Enttäuschung? Seit mehr als zwanzig Jahren experimentiert der in Berlin lebende Amerikaner Robert Rutman mit großen Stahlblechen, die er mit Saiten bespannt. Diese neuen Instrumente, die er „Steel Cello“ nennt, sind Klangskulpturen, die er mit eigens konstruierten Bögen zum Schwingen bringt. Zusammen mit zwei Steel-Cellisten hat Robert Rutman ganz ruhig und unspektakulär auf diesen gebogenen Blechen gespielt. Eine Urmusik, die auf der diffus ausgeleuchteten Bühne archaisch und futuristisch zugleich klingt, mit sonderbaren Flageolett-Klängen und vielfältigen Resonanzen. Monochrome und doch schillernde Töne, die durch leise Melodiefragmente eines Saxophons kommentiert und variiert werden. Ein unprätentiöser Auftritt, introvertiert und melancholisch, ein Schamane mit seinen faszinierenden Gerätschaften – aber am Ende doch ohne „Amadeus“. Mozart, hilf! Eckhard Roelcke