Eine Studie des Europäischen Medieninstituts in Düsseldorf deutet auf einen Zusammenhang zwischen Fernsehgewohnheiten und Fremdsprachenkenntnissen hin: Wünschen etwa 78 Prozent der Deutschen synchronisierte Fassungen von „Casablanca“, „Ghandi“ oder „Dallas“, sind 82 von 100 Niederländern für Originalfassungen mit Untertiteln. Nach Bildungsgraden geordnet, erteilen 74 Prozent der Niederländer mit geringer Schulbildung der Texteinblendung ihre Präferenz. In Deutschland können sich gerade neun Prozent gegen die Nachvertonung entschließen – von den Akademikern. In Holland spricht jeder zweite Bürger neben Deutsch (61 Prozent) auch Englisch. In Deutschland sollen es 30 Prozent sein – die Frage ist nur: wie?

Nicht anders sieht es in Italien und Frankreich aus: Hier klärt ein merkwürdig mediterraner Horst Tappert Verbrechen auf, dort sorgt er in der Sprache Molières für Ruhe und Ordnung. Nur jeder vierte Franzose spricht Englisch, in Italien gar nur jeder achte. In Skandinavien, wo Bildungspolitiker einen steten Rückgang der schulischen Anforderungen beklagen, beherrschen 80 Prozent die Weltsprache Nummer eins.

Der Binnenmarkt ist bereits verwirklicht, die Sprachbarrieren sind hingegen geblieben. Die EG verfügt schon heute über neun Amtssprachen – weitere werden durch Beitritte in den kommenden Jahren hinzukommen. Kleine Länder, die sich Synchronisation nicht leisten können, scheinen heute im Vorteil, weil die Zuschauer beim Zuhören lernen. Lippen, die sich nach dem Ende eines Satzes stumm weiterbewegen; Studiostimmen, die den Schauspieler beleidigen; Metaphern und Wortspiele, die die Übersetzung nicht überstehen, kennzeichnen den nachbehandelten Spielfilm. Reiner Brandt, einer der dienstältesten Synchronisateure in Deutschland, weiß, wie’s geht: „Als Autor wie als Regisseur brauche ich die Freiheit, den Text so zu gestalten, wie ich es mir vorstelle...“

Filmstars wie Marcello Mastroianni, Gene Hackman, Liv Ullmann oder Ingrid Bergman und Faye Dunaway haben bis zu fünf verschiedene deutsche Stimmen. Nur wenige Leinwandhelden haben das Glück, über Jahre mit ein und derselben Zweitstimme auszukommen – so etwa Donald Duck, Roger Rabbit oder Charlie Chaplin.

„Im Zeitalter eines vereinigten Europas auf die Synchronisation zu verzichten wäre wünschenswert“, meint Volkshochschulverbandsdirektor Volker Otto, der so Fremdsprachenkenntnisse aktivieren möchte. Ernst Schreckenberg, Medienexperte aus Dortmund, sieht im O-Ton vor allem die Chance, „Fremde und Fremdes zu Wort kommen zu lassen, mit allem Aufwand beim Zuhören, der damit verbunden ist“.

Dabei erlebt die deutsche Synchronwirtschaft derzeit – dank Videoindustrie und Privatfernsehen – einen wahren Boom. „In Berlin, München und Hamburg wird rund um die Uhr verdeutscht, was das Zeug hält“, sagte der Filmexperte Michael Volber schon vor Jahren.

„Wir glauben nicht, daß der Europäische Markt einen Rückgang der Filmsynchronisationen mit sich bringen wird, da die Sprachprobleme unverändert bleiben“, meint Gert J. Weber, Geschäftsführer der Berliner Interopa GmbH, die zwischen 45 000 und 85 000 Mark für die Eindeutschung eines Films berechnet.