ULM. – Auf den ersten Blick wirkt er wie ein typischer Yuppie: modisch-elegant gekleidet, selbstsicher und topfit. Markus Commercon weiß um seine Wirkung und setzt sie gezielt ein. Wenn er den Leuten sagt, daß er Aids hat, fallen die Reaktionen fast immer gleich aus: „Was? Nein, du doch nicht!“

Der 29jährige hält Vorträge über Aids in Schulklassen und beim Roten Kreuz, auf Einladung von Unternehmen und politischen Parteien. Mit Aids, so hat er dabei immer wieder festgestellt, assoziieren die meisten Menschen „abgemagerte Gestalten, vom Tod gezeichnet, denen niemand mehr ein Sexualleben zutraut“. Die Vorstellung, Aidsinfizierten sehe man die Krankheit an, sei weit verbreitet; dementsprechend werde die Aids-Gefahr unterschätzt.

„Wenn ich noch eine Chance habe“, sagt Markus Commercon, „dann ist es die Chance, daran etwas zu ändern.“ Sein ganzes Leben hat er inzwischen in den Dienst der Aids-Aufklärung gestellt. Nur: Leben kann er davon nicht. Die Arbeit bei der Aids-Hilfe in seinem Wohnort Ulm tut er ehrenamtlich. Sein einziges Einkommen sind derzeit Honorare der Kaufmännischen Krankenkasse, die ihn als Referenten engagiert hat; im Mai läuft der Vertrag aus. Commercons Bewerbung um eine Stelle in der Aids-Prävention im Ulmer Gesundheitsamt hat die baden-württembergische Sozialministerin Helga Solinger (SPD) abgelehnt. Ihm fehle die erforderliche „medizinische, psychologische oder sozialarbeiterische Berufsausbildung“.

Markus Commercon ist gelernter Bäcker. Zusammen mit seinem Freund führte er eine eigene Bäckerei. „Wir waren total erfolgreich“, sagt Commercon, der die Meisterprüfung als bundesweit Zweitbester seines Jahrgangs bestanden hatte. Daß er und sein Freund offen schwul lebten, schadete dem Geschäft nicht: „Wir hatten zum Schluß zwölf Angestellte.“

Vor drei Jahren, als die beiden gerade mit dem Bau eines eigenen Hauses begonnen hatten, erkrankte Commercons Freund schwer – er war bereits im Endstadium von Aids. Vorher wußten beide nicht, daß er sich überhaupt infiziert hatte. „Wir waren seit 1984 zusammen, als es noch gar keine Aids-Tests gab“, sagt Commercon. In der Folgezeit sahen sie keinen Grund, sich testen zu lassen: „Wir lebten absolut monogam, mein Freund muß sich vorher infiziert haben.“

Bekannten und Kunden gegenüber erklärten die beiden, der Freund habe Leukämie. „Wir waren mit einer halben Million Mark verschuldet.“ Ein öffentliches Bekenntnis hätte vermutlich den geschäftlichen Ruin bedeutet: „Wer kauft schon Brötchen bei einem aidskranken Bäcker?“ Am meisten habe ihn belastet, „wie sehr sich mein Freund geschämt hat“. Das Versteckspiel sei „zeitweise die Hölle“ gewesen: „Wenn die Putzfrau kam oder Bekannte uns besuchten, mußten wir alles wegräumen, Medikamente, Literatur. Die Arzneimittel haben wir aus einer dreißig Kilometer entfernten Apotheke geholt.“

Viel Überwindung gekostet