Von Carmen Rohrbach

Auch der versierteste Taxifahrer weiß keinen Ausweg, einen Durchschlupf im Abendverkehr von Buenos Aires zu finden, alle Straßen sind verstopft. Nur Geduld. Aus dem Radio weht Tangomusik. José, der Taxifahrer, summt die Melodie mit. „Mögen Sie Tango?“ fragt er. Ohne eine Antwort abzuwarten, sagt er: „Carlos Gardel singt da, unser Carlito.“

Carlos Gardel wird in Buenos Aires als größter Tangosänger aller Zeiten gerühmt. 1935 starb er bei einem Flugzeugunglück. Der Sänger ward zur Legende, weil er für die einfachen Leute einen Traum von Glück verkörpert, den glanzvollen Triumph des Vorstadtkindes. Gardel gilt als einer, der es geschafft hat, der sich selbst aus dem Elend herausgezogen hat: Auf Bildern sieht man ihn in Siegerpose, mit weißem Seidenschal über dem Smoking. Carlito – ein Volksheld.

„Besuchen Sie den Friedhof Chacarita“, empfiehlt der Taxifahrer. Dort ist die lebensgroße Statue von Carlos Gardel zu bestaunen, das Lächeln im Gesicht für alle Ewigkeit festgefroren. Seine wie auch früher beim Singen leicht erhobene Hand scheint nach einer Zigarette zu verlangen, weshalb seine Verehrer ihm immer wieder einen brennenden Glimmstengel zwischen die mit Grünspan bedeckten Bronzefinger stecken. Am Jahrestag seines Todes kann der Friedhof seine Fans kaum fassen. Grab und Statue quellen dann über von Blumen und Kränzen, die Zigarette in Gardeis Hand erlischt den ganzen Tag über kein einziges Mal, Ansprachen werden gehalten: Verzückt lauschen sie der Stimme Gardels und sagen, als würde er noch leben: „El canta cada die mejor“ – er singt doch jeden Tag besser.

Die Einwohner von Buenos Aires nennen sich selbst Porteños, die Leute vom Hafen, denn schließlich sind ihre Vorfahren alle in dieses Land eingewandert. Der Hafen hat ihr Leben bestimmt. Die meisten, die um die Jahrhundertwende aus Europa nach Argentinien einwanderten, hofften auf eine glückliche Zukunft.

Doch im Landesinneren, in der Pampa, gab es keine Verdienstmöglichkeiten. Die Großgrundbesitzer wollten keine neuen Nachbarn. So blieben fast alle Einwanderer dort, wo sie angekommen waren: Endstation Buenos Aires.

Die Stadt quoll über von Menschen. Elendsviertel entstanden, denn auch in der Stadt gab es kaum Arbeitsplätze. Viele der Neu-Argentinier ertränkten ihre Enttäuschung in Alkohol. Damals gab es zuwenig Einwanderinnen, so daß sich ganze Stadtviertel zu Bordellen entwickelten.