Von Robert Gerald Livingston

Henry Kissinger ist im Ausland mehr bewundert worden als in den Vereinigten Staaten, am allermeisten von den Deutschen. Auch heute noch, sechzehn Jahre nachdem er sein Amt abgab, bleibt der erste jüdische und deutschstämmige US-Außenminister ebenso in Deutschland wie daheim eine Berühmtheit. Die Paulskirche in Frankfurt war bis auf den letzten Platz besetzt, als er dort im letzten Oktober einen Vortrag hielt.

Isaacsens Buch sagt wenig über die Deutschen und gar nichts über Deutschland. Und doch werden sich deutsche Leser freuen, daß nun diese erste vollständige Biographie des Jungen aus Fürth vorliegt, der aufgrund einer erstaunlichen Mischung aus Intellekt, Durchsetzungsvermögen, Geschick, Opportunismus und Verstellungskunst zu einem der größten Außenminister und Diplomaten dieses Jahrhunderts geworden ist.

Nahezu zwei Drittel der vorliegenden Biographie befassen sich mit Kissingers außenpolitischen Vorstellungen und seinen diplomatischen Verhandlungen in den sechs Jahren seiner Amtszeit von 1969 bis 1976. Es werden die Triumphe beschrieben, die er zumeist, aber durchaus nicht immer, mit Präsident Richard Nixon teilte, wie bei den Vietnam-Friedensverhandlungen, der Aufnahme der Beziehungen mit China, dem Salt-I-Vertrag mit der Sowjetunion und der Flugzeug-Pendel-Diplomatie zwischen Israel und Ägypten nach dem Jom-Kippur-Krieg 1973. Zwei kurze Kapitel, eines über Moral und Realismus in der Außenpolitik und eines über Kissingers diplomatisches Vermächtnis, runden das Bild ab.

Gleich nach Amtseinführung des neuen Präsidenten im Januar 1969 nahmen Nixon und Kissinger die Fäden der amerikanischen Außenpolitik in die Hand. Die beiden schlossen nicht nur das US-Außenministerium weitgehend aus, sondern im Grunde genommen jeden anderen, manchmal sogar die Regierungen kleiner Staaten wie Südvietnam oder Israel, in deren Interesse Kissinger bisweilen auch Verhandlungen führte. Nach weniger als einem Jahr begann Kissinger, der damals Nixons Nationaler Sicherheitsberater war, dem Präsidenten selbst Konkurrenz zu machen. Nixon neidete seinem Berater dessen außergewöhnliche diplomatische Erfolge in China. Drei Jahre später war Kissinger so mächtig, daß er die amerikanischen Nuklearstreitkräfte in Alarmbereitschaft versetzen konnte, ohne seinen Präsidenten auch nur zu informieren.

Durch die brillante Konzeptualisierung und Umsetzung seiner Außenpolitik genoß der untersetzte Harvard-Professor bald den Ruf eines erstklassigen Diplomaten, der den Durchschnittsamerikaner ebenso beeindruckte wie führende Kolumnisten und ausländische Staatsmänner.

So komplex, gelegentlich verwirrend seine diplomatischen Schachzüge waren – sein Standpunkt und seine Ziele blieben völlig klar. Er betrachtete das gesamte Weltgeschehen unter dem Aspekt des Ost-West-Konflikts. Die nationalen Interessen der Vereinigten Staaten standen für ihn an erster Stelle. Moralische Grundsätze, Menschenrechte oder die Souveränität anderer Staaten waren demgegenüber zweitrangig. Sein zentrales Ziel war, den sowjetischen Einfluß überall zurückzudrängen.