Je genauer die Beschreibung, desto unschärfer das Bild. Die Vorstellung kann ihnen nicht wirklich folgen: den Bewegungen der Wolkenschichten, Astspitzen oder Grashalme, den Flügen der Falter, des Lichts und der Libellen. Sie taumelt ein paar Zeilen lang mit, dann fällt sie ins Leere, wird von einer leichten Trance ergriffen und wacht erst wieder auf, wenn ein neuer Abschnitt beginnt. Es gibt viel Konkretes in der kleinteiligen Beschreibungsprosa des Österreichers Georg Pichler (Der Pflanzenbewuchs der Sprache; Droschl-Verlag, Graz; 94 S., 22,– DM): Dinge, Landschaft, Wetter und so weiter, jede Menge Gegend jedenfalls, eingepackt in Licht und meistens Stimmung, doch kaum einen Halt. Für die Einbildungskraft nicht und nicht für den Verstand. Alles ist genau und ungefähr zugleich, auf präzise Art vage; konturiert im Detail, verwischt im ganzen. Es geht um die kleinen Verrückungen, die aus bloß Gegebenem Poesie machen. Manchmal klappt’s, manchmal nicht, doch immer mit Methode. Gelegentlich führt der Kursus durch einen Beobachtungsraum zum Ausgangspunkt zurück, dann wiederholt der letzte Satz den ersten Mal dreht sich der Betrachter wie eine Kamera um eine Sache, mal geht eine andere in einer langen Sequenz verschütt. Stillstand in der Bewegung ist das Prinzip der Texte. Achtundvierzig sind es insgesamt, einige zu Zyklen gebündelt und von zierlichen Aquarellen dekoriert. Die lyrische Prosa indes entgeht knapp der Verführung zum modernistischen Idyll. Einige sprachliche Kraftakte, schwere Substantivballungen und Partizipserien sorgen für Rauheit. Der in Graz lebende Pichler kennt die Gefahren seines Genres. Er ist aus der Schule der Grazer Manieristen. Er staunt einmal mehr über die Einsicht, daß sich die Welt in den Worten entzieht und macht daraus minimalistische Kunstprosa. Ein junger Artist in der bejahrten Riege der österreichischen Avantgardisten. "Der Pflanzenbewuchs der Sprache" ist ein solides Qualitätsprodukt aus dem Grazer Literatur-Treibhaus. Nicht weniger, aber leider auch nicht mehr. Hubert Winkels