ERFURT. – Als Bernhard Vogel vor rund einem Jahr zum neuen Thüringer Ministerpräsidenten gekürt wurde, sollte alles anders werden. Vom Kanzler selbst, heißt es, hatte er den Auftrag erhalten, die von Flügelkämpfen zerrissenen und nahezu handlungsunfähigen Christdemokraten auf Vordermann zu bringen. Mit Hilfe erprobten West-Know-hows sollte dem Dilettantismus in Ministerien und Staatskanzlei ein Ende gemacht werden.

Doch daraus wurde nichts. Rund ein Jahr später, auf dem Landesparteitag der thüringischen CDU in Jena Mitte Januar, waren die Parolen noch immer die gleichen: Der Streit um Posten und Personen müsse beendet werden, mahnte Vogel. 1994 ist Wahljahr, und da will die CDU wieder die Nase vorn haben. Doch derzeit steht es um Thüringens CDU nicht gut. Ihr wird die miese Gesamtsituation angelastet; in Ost wie West hat das Land ein miserables Image.

Verantwortlich für die Misere sind nicht zuletzt die Politiker selbst. Da sind die inzwischen ausgewechselten Skandalminister Willibald Böck (Inneres) und Hans-Henning Axthelm (Soziales). Der eine nahm 20 000 Mark Bestechungsgeld entgegen, der andere wurde beim Diebstahl eines Pornoheftchens erwischt. Zu allem Überfluß sind beide auch noch in die Affäre um ein ehemaliges Jugendtouristhotel in Erfurt verwickelt, das einem mutmaßlichen Stasispitzel zu konkurrenzlos günstigen Konditionen überlassen wurde.

Um die Sacharbeit steht es kaum besser, vor allem das Finanzressort macht Sorgen. Minister Klaus Zeh hat zwar manches für die Erneuerung der Partei getan, sein eigenes Haus aber nicht im Griff. Mindestens 400 Millionen Mark Gehälter an Landesbedienstete wurden unter seiner Regie doppelt gezahlt, und das in einem Land mit chronischer Finanznot. Nach tagelangem Leugnen gab Zeh den Tatbestand schließlich zu, schuldig fühlte er sich nicht. Überhaupt nicht anstößig findet er auch seine Beteiligung an einer Computerfirma, die Aufträge aus Landesmitteln erhielt, unter anderem auch vom Finanzministerium.

Im engeren Kreis stöhnt Vogel schon manchmal über seine Mitarbeiter. Zur Gestaltung bleibt ihm wenig Raum. Nach dem Abgang von Böck und Axthelm im September letzten Jahres gelang es ihm nicht, eine grundlegende Kabinettsumbildung durchzusetzen. Er mußte sich mit der „kleinen Variante“ begnügen – Wechsel in den beiden betroffenen Ressorts sowie in der Staatskanzlei.

Auch in der Partei, der Vogel seit Januar vorsteht, läuft es schlecht. Klaus Zeh, den der Rheinland-Pfälzer am liebsten als Parteichef gesehen hätte, ist diskreditiert; Kultusminister Dieter Althaus, der einzige Hoffnungsträger im Lande, lehnte ab. Seine Zeit, spekuliert Althaus, kommt noch früh genug, spätestens wenn Vogel geht

Das Dilemma des Landes ist der Mangel an politischer Kultur. Es gibt keine nennenswerte Opposition, und was im Westen gang und gäbe ist, die Allgegenwart von Interessengruppen, ist kaum vorhanden. Wäre da nicht der Landesrechnungshof, der den einen oder anderen kritischen Prüfbericht beisteuert – die neue Führungskaste aus Emporkömmlingen, Altvorderen und Halbseidenen aus dem Westen wäre unter sich.