GUTACH. – Das Schwarzwälder Kirschtortenfest war als Touristenattraktion angekündigt worden, an der auch die Einheimischen ihre Freude haben sollten. Doch für Hedwig Kaltenbach war das Fest schlicht eine „Sauerei“. Nicht wegen der Unmengen von Sahne, Biskuitteig, Schokoladeraspeln und schnapsgetränkten Kirschen, die zur größten Torte der Welt verbacken wurden. Sondern wegen der Schwarzwaldmädel, die sich neben der überdimensionalen Torte aufstellten und werbewirksam in die Fernsehkameras strahlten. Natürlich in Gutacher Tracht: schwarzglänzender Rock und enges Mieder mit eingewebten Blümchen, darunter eine weiße Bluse und auf dem Kopf den berühmten roten Bollenhut. Eigentlich hätte Hedwig Kaltenbach, die einzige Bollenhutmacherin im Schwarzwald, sich darüber freuen müssen. Statt dessen schimpfte sie.

Der Grund für die Aufregung liegt im Detail: Es waren die falschen Mädchen, die in den Trachten steckten. Sie stammten nämlich aus dem Nachbardorf Hausach. Den Bollenhut aber darf man nur in Rimbach, Reichenbach und Gutach tragen. In diesen drei Dörfern, einer protestantischen Insel im katholischen Schwarzwald, gehört der Kopfputz zur Kirchentracht. Erstmals tragen die Mädchen den Hut mit den leuchtend roten Wollkugeln bei ihrer Konfirmation. Danach zu verschiedenen kirchlichen und weltlichen Anlässen bis zur Hochzeit, bei der sie eine reichverzierte Brautkrone, den Schäppel, aufsetzen. Sind die Frauen schließlich verheiratet, tragen sie einen schwarzen Bollenhut, so will es die Tradition. Doch die scherte den Gastronomen wenig, der die Mädchen aus dem Nachbarort für das Kirschtortenfest anheuerte. Und die jungen Damen, die immerhin ins Fernsehen kamen, auch nicht. Eine von ihnen hatte den Bollenhut versehentlich sogar falsch herum aufgesetzt. Genauso übrigens wie das Titelmädchen der Merian-Ausgabe „Schwarzwald“.

Ansgar Barth winkt ab: „Kleine Fische.“ Für den in Gutach lebenden Pädagogen und Heimatforscher fangen die haarsträubenden Verkitschungen der Tracht erst an, wenn es irgendwo auf der Welt darum geht, für den Schwarzwald, für Baden-Württemberg oder gleich für ganz Deutschland zu werben. „Denn dann ist ein ‚Schwarzwaldmädel‘ mit rotem Bollenhut meistens nicht weit. Egal, ob es dazu nun einen Bikini trägt oder ein bayrisches Dirndl, egal, ob es für Käse aus dem Allgäu wirbt oder bei einem Empfang im Stuttgarter Landtag herumsteht.“ Weil einigen Gutachern die Vermarktung des Bollenhuts entschieden zu weit geht, haben sie sich zusammengeschlossen. „Schützt den Bollenhut“ heißt ihre Initiative, die vor allem damit beschäftigt ist, die Tradition der Tracht zu bewahren und böse Briefe zu verschicken. Einen bekam natürlich auch der Veranstalter des Schwarzwälder Kirschtortenfestes.

„Daß sogar bei uns vor der Haustür Schindluder mit der Tracht getrieben wird“, hält Hedwig Kaltenbach für das Schlimmste. Von Anfang an war die 65jährige Gutacherin bei den Hutschützern dabei. Immerhin sind fast alle der rund hundert existierenden Original-Bollenhüte durch ihre Hände gegangen, mindestens zum Ausbessern. Vor über zwanzig Jahren übernahm die freundlich-resolute Frau das Amt der Bollenhutmacherin von ihrer Tante. Wie sie die roten Wollkugeln herstellt, bleibt ein Geheimnis, das seit Generationen von der Hutmacherin an ihre Nachfolgerin weitergegeben wird: „Wickeln und schneiden“, mehr wird nicht verraten. Zwei Kilo reine Wolle braucht sie pro Hut. Daraus entstehen vierzehn Bollen in fünferlei Größen, die dann auf einen verleimten Strohhut aufgenäht werden. Um die 400 Mark kostet jedes in Auftrag gegebene Exemplar.

Zwei dieser seltenen Stücke stehen bei Ansgar Barth in der Vitrine des Arbeitszimmers. Der rote gehört der Tochter, der schwarze seiner Frau. Ohne Ansgar Barth gäbe es die Initiative „Schützt den Bollenhut“ nicht. In mühevoller Kleinarbeit hat der Schulrat die Geschichte der Gutacher Tracht zusammengetragen. Einen Grund dafür, daß der Bollenhut weltweit als Symbol für den Schwarzwald herhalten muß, sieht Barth in Leon Jessels Operette „Schwarzwaldmädel“. Sie habe den Hut aus den drei kleinen Gemeinden des mittleren Schwarzwaldes in die Welt hinausgetragen und dafür gesorgt, daß jeder beim Anblick eines Bollenhutes an den Schwarzwald denkt. Würde mit dem Hut lediglich für die schöne Ferienregion geworben, könnte Barth das ja noch verstehen. Aber in seiner umfangreichen Sammlung finden sich Kitschobjekte ganz anderer Art. Da wirbt zum Beispiel in Amerika ein „Black Forest Girl“ auf einem Pappkarton für badischen Wein: mit Bollenhut, ungarischer Stickerei auf den weißen Blusenärmeln, eher österreichischem Mieder und einem ausladenden Dirndlausschnitt nach bayrischem Vorbild.

Soll der Bollenhut unter eine hinterwäldlerische Käseglocke, die keiner lüften darf? „Überhaupt nicht“, meint Ansgar Barth. „Wir wollen nur die Verkitschung des Hutes bremsen.“ Die Erfolge der Hutschützer sind eher bescheiden. Doch immerhin: Mit der Landesregierung sind die drei Bollenhut-Gemeinden mittlerweile übereingekommen. Zu offiziellen Anlässen werden jetzt nicht mehr irgendwelche Damen in eine Tracht gesteckt, sondern Gutacher Trachtengruppen angefordert. Hedwig Kaltenbach: „Da können wir dann sicher sein, daß die Mädchen den Hut richtig herum aufsetzen.“ Katja Marx