Viele Diagnostiker der postmodernen Zustände nehmen kein Blatt vor den Mund, doch niemand stellt den Befund so schonungslos wie Baudrillard: „Wollte man den gegenwärtigen Stand der Dinge benennen, so würde ich sagen, wir befinden uns nach der Orgie. Die Orgie ist der explosive Augenblick der Moderne, der Augenblick der Befreiung in allen Bereichen. Politische Befreiung, sexuelle Befreiung, Entfesselung der Produktivkräfte, Befreiung der Frau, des Kinds, der unbewußten Triebkräfte, Befreiung der Kunst... Heute ist alles befreit, das Spiel ist gespielt, und wir stehen gemeinsam vor der entscheidenden Frage: Was tun nach der Orgie?“

Die möglichen Antworten schränkt er sogleich ein: Wir können Orgie und Befreiung heute nur mehr simulieren, nur noch so tun, als bewegten wir uns in diese Richtung, alle Szenarien nur noch einmal durchspielen, weil sie bereits stattgefunden haben. Im „Xerox-Zustand der Kultur“ funktionieren die Dinge, Zeichen und Handlungen weiter, obwohl die Idee, die ihnen einst zugrunde lag, verlorengegangen ist – und paradoxerweise funktionieren sie um so besser. Befreit von ihrer Idee, haben die Dinge ihre Erdhaftung verloren und sich in die Umlaufbahn begeben: einen medialen Orbit der Simulation, wo sie frei flottieren und wuchern. Daß die nukleare Abschreckung funktioniert, ebenso wie die irreale Ökonomie des Finanzkapitals, läßt sich nicht bestreiten – und doch befürchtet man bei der Lektüre dieses Soziologen der Hyperrealität, daß er irgendwann in dieselbe Situation kommen könnte wie der Arzt, dem der Tod eines Patienten gemeldet wird: „Herr Doktor, der Simulant auf Zimmer 318 ist gestorben.“ – „Na jetzt übertreibt er aber.“

„Ich war Pataphysiker mit 20, Situationist mit 30, Utopist mit 40, transversal mit 50 und viralmetaleptisch mit 60 – das ist meine Geschichte.“ So Baudrillard mit 61 in seinen Erinnerungsnotizen „Cool Memories 2“. „Metalepsis“ ist laut Duden eine rhetorische Figur, „bei der das Nachfolgende mit dem Vorhergehenden vertauscht wird (zum Beispiel ‚Grab‘ mit ‚Tod‘)“ – „mal wieder typisch französische Lallbacke“, befindet Kollege S., bei dem Baudrillard in der Schublade „Modephilosoph“ bestattet ist. Eine im übrigen weitverbreitete Mode, die unter anderem dafür sorgt, daß in der deutschen Mediendiskussion die dünnen Bretter eines Neil Postman aufs schärfste gesägt werden, Baudrillards viel schärfere These aber, die von der „Agonie des Realen“ (1978), nach wie vor eher als Geheimtip gilt: Wir können uns nicht einmal mehr zu Tode amüsieren, wir können nur noch so tun.

Der Frühsurrealist und „Pataphysiker“ Alfred Jarry entwarf einst einen Fünfsitzer, auf dem die Toten ganz allein weiterradeln – und eine analoge Maschine hat Baudrillard mit seiner Simulationstheorie gebastelt: Analysen einer Gesellschaft, der die Idee des Fortschritts verlorengegangen ist, der Fortschritt aber in maßloser Rastlosigkeit und einer Ekstase aller Werte weitergetrieben wird. Aus Leichenstarre wird „Kadavermobilität“: „Schauen wir uns die Stadt New York an. Es ist ein Wunder, daß jeden Morgen alles von vorne beginnt, bei der Energie, die man am Vorabend verausgabt hat. Das bleibt unerklärlich, außer wenn man davon ausgeht, daß es kein vernünftiges Prinzip für den Verlust von Energie gibt und daß das Funktionieren einer Megapole wie New York sich aus seinem eigenen Lärm, seinem eigenen Abfall, seinem eigenen Kohlendioxid und einer Energieverausgabungsenergie speist. Wahrscheinlich gehen sogar die Drogen und alle von ihr bedingten Zwangshandlungen in die Vitalitäts- und Rohstoffwechselrate der Stadt ein. Alles findet Einklang, die edelsten wie die widerlichsten Aktivitäten. Die Kettenreaktion ist total. Jede Vorstellung von einem normalen Funktionieren ist verlorengegangen.“

Was für das Extrem New York gilt, gilt auch für die anderen Phänomene, die Baudrillard behandelt – Börsenkrach, Terrorismus, Aids und Computerviren, den Ajatollah und Michael Jackson: Sie sind keine „Episoden einer irrationalen Welt“. „In ihnen drückt sich die ganze Logik unseres Systems aus.“ Eines Systems, das sich nicht mehr im Stadium des Wachstums, sondern „im Zustand der Auswüchse“ befindet, einer politischen Ökonomie, die im imaginären Raum der Spekulation „bis zur Parodie ausgereizt wird“, einer medialen Allgegenwart des Sex, der auf das Immunsystem der Körper zurückschlägt, eines globalen Kommunikationsnetzes, das von Computerviren und epidemischer Dateninflation heimgesucht wird – und eines öffentlichen Diskurses, der all diese Schattenseiten in einer permanenten „Operation des Weißwaschens“ verdrängt. McLuhans Theorie der Medien als „Erweiterungen des Körpers“, seine optimistische Vision einer elektronisch vernetzten Weltgesellschaft, erfährt mit Baudrillards Kritik der delirierenden Simulationsvernunft eine notwendige Erweiterung.

  • Jean Baudrillard: